Sport : Die zweite Karriere - Sean Dundee trifft nach zwei Jahren wieder einmal

Martin Hägele

Als die meisten schon Gans und Kraut gegessen hatten im Haus der Vips vom VfB Stuttgart und der neue Marketing-Direktor sein zweites Weizenbier orderte, sind Hansi Müller auch gleich die ersten geschäftlichen Konsequenzen aus dem schwäbischen Länderspiel eingefallen. Der Fan-Beauftragte Günter Schäfer müsse mit den Anhängern reden, solche Imageverluste könne sich der VfB nicht leisten: "Wir denken doch ganz anders über die Ulmer."

"Wir grüßen die Ratten vom Donauufer", hatte auf dem 20 Meter breiten Plakat gestanden, mit welchem die simpelsten Stuttgarter Fußballhirne für ein paar Minuten die 7000 Ulmer Freunde im Daimler-Stadion provozieren wollten. Die tierische Beleidigung für die vom andern großen Fluss, der durchs Ländle fließt, hing zwar nur für ein paar Minuten am Zaun - dies war die kurze Phase, in welcher wenigstens akustisch so etwas wie Derby-Stimmung aufgekommen ist. Einmal abgesehen vom spontanen Jubel der 35 000 Stuttgarter nach den Toren von Sean Dundee (13.) und Heiko Gerber in der 81. Minute zum 2:0 des VfB Stuttgart.

Es hat allerdings auch Stuttgarter gegeben, die schon um 15.43 ihre Uhr anhalten wollten, weil sie nicht glauben konnten, was sie da gesehen hatten. Ein Tor von Sean Dundee. Denn Torjäger, die nicht treffen, gelten als tot. In diesem Sinne war der bald 27-Jährige aus Südafrika schon seine eigene Geschichte gewesen. "Crocodile Dundee" lebte nur noch im Film. Und die 4,5 Millionen Mark, welche der VfB Stuttgart vor dieser Saison in einen Stürmer investiert hatte, der erst beim Karlsruher SC, dann in Liverpool und eigentlich schon in seinem ganzen Profi-Leben gescheitert war, schien vielen Experten als gewagtester Einsatz der gesamten Liga. Weit riskanter etwa als Otto Rehhagels jüngstes Glücksspiel mit Super-Mario Basler.

Und er schien es selbst alles kaum glauben zu wollen, als der sommersprossige junge Mann, als der Torjäger Dundee hinterher von seinem Comeback erzählte. Als ihm der Kollege Gainea das erste Mal den Ball servierte, da dachte ich, "was passiert, wenn du jetzt das Tor machst - und dann wird alles wieder gut". Nix geworden. Und nur gut für Dundee, dass acht Minuten später beim zweiten Versuch alle Gedanken abgeschaltet waren. "Ich habe nichts überlegt, nur draufgehauen - und jetzt habe ich mein 37. Bundesligator." Nummer 36 war ihm vor bald zwei Jahren im Trikot des VfL Wolfsburg geglückt.

Und im ersten Moment hat Dundee auch noch gedacht, "Philipp Laux hat den Ball". Erst als die Zuschauer jubelten, merkte er, dass er durch die Beine des Keepers getroffen hatte. Und noch viel später im Fernsehen sah er, wie der Portugiese Rui Marques die Kugel abgefälscht hatte. Fußball kann so banal sein. Aber die Weisheit von Gerd Müller, dem Größten aller Torjäger, gilt immer noch für alle Nachfolger: bloß nichts denken vorm Tor.

Womöglich hat Sean Dundees Erfolgserlebnis Folgen. Nicht nur die kurzfristigen, wie die Tatsachen, dass er nach seinem Tor fast alle Kopfballduelle und Zweikämpfe gewonnen hat. Kann Sean Dundee der Torjäger, der schon als gescheitert galt, noch einmal so unbekümmert losballern wie nach seiner ersten Entdeckung? Kann er jetzt das Stuttgarter Manko im Angriff beheben, das auch am Sonnabend wieder deutlich wurde? Die zweite Karriere fällt meistens schwerer - und das gilt auch generell für Dundees neuen Klub. Es war ein sehr mühsames Derby, beim VfB braucht man noch sehr viel Geduld.

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