Diego Armando Maradona : Rimbaud der Rasenplätze

Gerd Fischer

Als Diego Armando Maradona einmal im Vatikan zur Audienz weilte, schenkte der Stellvertreter Gottes dem von der Hand Gottes Begünstigten einen Rosenkranz. "Das ist ein besonderer, für dich", sagte Johannes Paul II. Augenblicklich verglich Maradona das Präsent mit dem Rosenkranz, den der Papst Maradonas Mutter Tita überreicht hatte, und stutzte. "Entschuldigung, Eure Heiligkeit, was ist der Unterschied zwischen meinem und dem meiner Mutter?" Auf die Antwort wartete er vergeblich. Ohne weitere Worte, aber mit einem Lächeln und einem Klaps auf die Schulter wurde er entlassen.

Maradona hielt das für "eine absolute Respektlosigkeit", doch in Kenntnis seiner Autobiographie war ein Rosenkranz jedenfalls das individuell passende, also wirklich besondere Geschenk. Denn das Selbstbekenntnis "El Diego. Mein Leben" ist wahrhaft eine große Litanei vor dem Herrn. Ohne Luft zu holen, betet Maradona die Sätze in diesem 400-Seiten-Monolog herunter, fügt Seite für Seite Anklagen an Rechtfertigungen, Entschuldigungen an neue Vorwürfe, wie die Perlen eines Rosenkranzes.

Das hört sich langweilig an, ist es aber nicht. Denn die Ghostwriter Ernesto Cherquis Bialo und Daniel Arcucci trafen mit dieser Suada den passenden Ton für die Lebensbeichte Maradonas, der immer und immer wieder mit den Mächtigen und Semi-Mächtigen im Weltfußball aneinander geriet. Sowohl Rhythmus als auch Struktur des niedergeschriebenen Redeflusses treffen das Highspeed-Kauderwelsch des emotional überdrehten Rechtfertigers, der zuletzt hauptsächlich mit seinen Drogeneskapaden in den Schlagzeilen war. Mit der hier zu Lande bekannten Form der Fußballerbiographie à la Jürgen Kohler oder Andreas Brehme, die einen aufgeblasenen tabellarischen Lebenslauf garniert mit abgegriffenen Phrasen präsentiert, hat "El Diego" nichts gemein.

Von seiner Anfangszeit, als er noch nicht 16-jährig am 20. Oktober 1976 im Trikot von Argentinos Juniors sein Debüt in der ersten argentinischen Liga gab, bis zum 25. Oktober 1997, seinem letzten Spiel für Boca Juniors, sah sich Diego im Kampf mit den Bossen, die ihm, dem Mann des Volkes, nicht den nötigen Respekt entgegenbrachten. Seine Gegner waren Klubpräsidenten wie Corrado Ferlaino vom SSC Neapel und José Luis Nuñez vom CF Barcelona, Fifa-Chef Joao Havelange, die argentinischen Nationaltrainer César Luis Menotti und Carlos Bilardo und und und. Ständig gab es Streit, ständig Tränen, manchmal Prügel. "El Pelusa", der Wuschelkopf, setzte seinen Dickschädel ein, wenn er eine Ungerechtigkeit spürte, egal ob gegen ihn oder einen seiner Freunde auf oder neben dem Fußballplatz. Dass er hier und da eine Verschwörung zu viel witterte, liegt nahe. Etwa anlässlich des WM-Finales 1990 gegen die deutsche Elf, das für Maradona "geklaut" war, "schon vorher entschieden".

Doch oft zeigte Maradona denen, die glauben, sie könnten den Fußball von den Ehrentribünen aus beherrschen, die Grenzen. Die Spieler in Verbindung mit den Fans sind das Zentrum des Fußballs, sie müssen sich nur ihrer Macht bewusst werden, so das Credo des Diego Maradona. Er ist ein Ankläger, tiefschürfende Analysen aus seinem Mund hat bestimmt niemand erwartet. Er sagt, was er denkt, und beschreibt, was er sieht.

Am 16. September 1984 lief er zum ersten Mal im Trikot des SSC Neapel auf, in Verona, wo seinerzeit Hans-Peter Briegel, die Walz aus der Pfalz, sein Unwesen trieb. Maradona blickte auf die Tribüne und sah Transparente: "Willkommen in Italien." Er begriff: Das war keine ihm gewidmete freundliche Begrüßung. Die Neapolitaner waren gemeint. "Es spielte der Norden gegen den Süden, die Rassisten traten gegen die Armen an."

Über allem Streit und Hader steht die Kunst Maradonas, die Kunst am Ball. Oder, wie es Eric Cantona, sein kickender Bruder im Geiste, formulierte: "Im Laufe der Zeit wird man sagen, dass Maradona für den Fußball das war, was Rimbaud für die Dichtkunst war." Ein Tor gegen England bei der WM 1986 soll davon zeugen. Aber nicht jenes, das Maradona regelwidrig mit "der Hand Gottes" erzielte, sondern das Tor des Jahrhunderts - nach einem Alleingang, der hier leider nur gekürzt wiedergegeben werden kann:

"Ich startete von hinten, von der Spielfeldmitte, (...) lief zwischen Beardsley und Reid hindurch. Mit einem Schlenker nach innen zog ich an Butcher vorbei. (...) Wenn Fenwick mich angriff, würde ich auf Valdano spielen, und der stünde dann frei gegen Shilton. Aber Fenwick griff mich nicht an! Darauf legte ich mir den Ball vor, täuschte nach innen und ging nach außen. (...) Ich machte was, und Shilton fiel auf die Täuschung herein. (...) Dann lief ich auf die Torlinie zu und drosch ihn, zack, rein. (...) Ich hatte das Tor meines Lebens geschossen." Und das Schönste daran ist, Maradona erzielte dieses Tor der Tore genau so, wie es ihm sein damals siebenjähriger Bruder Turco 1981 prophezeit hatte. Pure Poesie.

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