Sport : Diego und der Knirps

Das Festival „11 mm“ kürt „Fimpen“ und „Maradona par Kusturica“ als beste Fußballfilme.

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Berlin - Pelé oder Maradona? Diese Frage wird in Brasilien und Argentinien und überall sonst auf der Welt noch heute leidenschaftlich diskutiert, da das Duell zwischen den Beatles und den Rolling Stones längst in der Schublade „Opa erzählt vom Krieg“ archiviert ist. Das Fußballfilmfestival „11 mm“ hat in diesen Tagen ein bisschen Entscheidungshilfe gegeben. Zum zehnten Geburtstag haben die Berliner den besten Fußballfilm aller Zeiten wählen lassen. Platz eins in der Kategorie Spielfilm geht an Bo Widerbergs „Fimpen, der Knirps“, der Schweden zur Weltmeisterschaft 1974 schießt, obwohl er sich nicht allein die Schuhe zubinden kann, so was passiert einem Sechsjährigen schon mal.

Das ist ein schöner Übergang zu Diego Maradona. Es hat ja, man vergisst das leicht nach all den Skandalen über Koks, Frauengeschichten und Steuerbetrug, auch mal ein Kind namens Maradona gegeben. Der kleine Diego wäre beinahe in einer Kloake ertrunken, aus der er seinen geliebten und schon verloren geglaubten Ball retten wollte. Auch später hat er Fußball immer mit der Begeisterung eines Sechsjährigen gespielt und sich einen Dreck um die Konventionen der Erwachsenenwelt geschert.

Emir Kusturica ist Maradona mit seiner Kamera 2008 so nah gekommen wie noch niemand und hat dafür den Sieg in der Dokumentarfilmliga eingeheimst. Es war beim Festival in Berlin auch ein Film mit Pelé am Start, er widmete sich seinem Spätwerk bei New York Cosmos. Hat keinen weiter interessiert. Bemerkenswerterweise saß in der Jury auch der brasilianische Cineast Antonio Leal. Der Faszination des argentinischen Outcasts Maradona kann sich auch der große Nachbar nicht entziehen, trotz einer seit Menschen- und Fußballgedenken liebevoll gepflegten Feindschaft.

„Maradona par Kusturica“ ist ein Stück völlig unkritisches und wahrscheinlich deshalb so authentisch-großartiges Kino. 90 Minuten lang spielt der Regisseur seine Rolle als kamerabewehrter Voyeur und schafft dabei, was ein echter Paparazzo nie schaffen wird. Er öffnet Maradona das Herz. Die anrührendste Szene seiner 90-minütigen Heldenverehrung zeigt Maradona, wie er nichts ahnend aus seinem Auto steigt, irgendwo in Barcelona. Vor einer graffitibeschmierten Hauswand stehen zwei Jungs, sie schrammeln auf ihren Gitarren und lachen und singen ein Lied, es heißt „Si yo fuera Maradona“ und beinhaltet, kurz gesagt, dass sie, wenn sie denn Maradona wären, alles genauso machen würden. Gegen die Ganoven von der Fifa kämpfen und Fußball spielen, schließlich ist die Welt ein Ball und alles andere egal.

Mit ziemlicher Sicherheit weiß Diego Maradona nicht, dass es sich bei einem der beiden Gitarrenjungs um Manu Chao handelt. Ein Weltstar der Popmusik-Liga bringt seinem Idol als Straßenmusikant ein Ständchen. Zwei Minuten lang verfolgt die Kamera den kleinen, dicken Mann mit der dicken Armbanduhr und dem dicken Kreuz um den dicken Hals. Er steckt die Hände in die Hosentaschen und wippt im Takt mit. Auch ganz hinten im Kino kann jeder Zuschauer in seinem Sessel ganz genau erahnen, wie Maradonas Augen durch die schwarze Sonnenbrille leuchten. Für zwei wunderschön fotografierte Minuten ist er ein argentinischer Fimpen. Ein Kind, wie man es aus verwackelten Schwarz-Weiß-Bildern kennt, mit einem geflickten Lederball jonglierend, immer mit dem linken Fuß, wie 1986 in Mexiko bei seinem Jahrhunderttor gegen die Falkland-Reconquistadores aus England.

„Fimpen, der Knirps“ endet in der sozialpädagogischen Tradition der Siebziger. Mit einer verantwortungsbewussten Lehrerin, die Fimpen dezent näherbringt, dass Schule wichtiger ist als Toreschießen. Koks, Weibergeschichten und Steuerbetrug werden ihm erspart bleiben. Ach hätte doch auch ein argentinischer Pädagoge den Weg zu Diego Maradona nach Villa Fiorito gefunden… Seufzen wahrscheinlich die Brasilianer und außer ihnen höchstens noch die Engländer. Sven Goldmann

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