Sport : Dienende Seele

Wie der neue Kapitän Patrik Kühnen das deutsche Daviscupteam zur Harmonie und zum 3:0 über Venezuela führte

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Von Oliver Trust

Karlsruhe. Der Mann aus Puttlingen im Saarland wischt Schweiß vom Boden, reicht Wasser, gibt Ratschläge, und er hält Handtücher. In solchen Momenten macht sich Patrik Kühnen keine Gedanken, wie die Erwartungen an den Chef des deutschen Daviscup-Teams aussehen könnten. Er ist es einfach. Dienender Kapitän, 36 Jahre alt, befördert vom DTB-Nachwuchstrainer zum Daviscup-Chef. Den Kopf hält er geneigt, eine leicht gebückte Haltung, immer zum Sprung bereit, wenn einen der deutschen Daviscup-Spieler ein Problemchen plagt. In den Augen steht eine Frage wie eine Leuchtreklame: „Kann ich was tun, willst du was?“ Und Erfolg hat er bei seinem Einstieg auch: Da Nicolas Kiefer und David Prinosil (Hannover/Amberg) gestern auch das Doppel gegen Jose de Armas und Jimy Szymanski mit 6:1, 6:3, 6:0 gewannen, führt Deutschland gegen Venezuela uneinholbar mit 3:0. Dadurch spielt das deutsche Team auch im nächsten Jahr in der Weltgruppe des Daviscups.

Wenn Thomas Haas über den Neuen spricht, hört es sich an, als habe er ihn ausgesucht. „Er muss locker sein, gute Witze kennen, gute Storys erzählen“, sagt der Weltranglistenzweite, schale Späße eingeschlossen: „Und er muss das Handtuch halten.“ Über Michael Stich und Boris Becker hätte er das kaum gesagt. Aber über ihn, den Mann aus der zweiten oder dritten Reihe, den mancher schon als „Rudi Völler des deutschen Tennis“ feiert. Eine Integrationsfigur, die Teamfähigkeit vorlebt? Oder doch nur Erfüllungsgehilfe ohne Charisma? Zufall und doch Glücksfall auf einmal?

„Mit Patrik kann man über andere Themen reden, vielleicht über Frauen, wenn das mal Thema ist. Er ist ein lässiger Typ“, sagt Thomas Haas. Patrik Kühnen spricht im eitlen und selbstsüchtigen Tenniszirkus der Geschäftemacher und Vermarktungsgiganten unerschrocken über die „Ehre, für sein Land zu spielen“ und darüber, dass „einem Sportler, der nie in der Nationalmannschaft“ war, doch etwas fehlt. Und er erreicht auch die Spieler mit diesem Appell. Thomas Haas, Nicolas Kiefer, Rainer Schüttler und David Prinosil gaben gestern bekannt, dem Deutschen Tennis Bund für den Daviscup-Wettbewerb 2003 komplett zur Verfügung zu stehen. „Wir sind uns einig, dass wir im nächsten Jahr voll angreifen und diesen Pott endlich gewinnen wollen“, sagte Haas vor Fernsehkameras.

Patrik Kühnen selbst empfindet nichts als anbiedernd. Er erzählt von seiner großen Zeit, als könne er die glorreiche Daviscup-Vergangenheit um sein Vorbild Niki Pilic einfangen und festhalten. Dreimal hat der frühere Profi, der es bis auf Platz 43 der Tennis-Weltrangliste gebracht hat, den Daviscup gewonnen – als einziger Spieler, wie die Statistik-Abteilung des Deutschen Tennis Bundes verkündet. „Niki Pilic war einer von uns, von ihm habe ich viel gelernt. Er hat mit Spielern gesprochen, ist auf sie eingegangen“, sagt er.

Solche Geschichten gefallen Thomas Haas, der jedem das Gefühl gibt, er kontrolliere das Geschehen: „Mein Ja hat er. Er ist der optimale Mann für diesen Job.“ Patrik Kühnen hat die Machtverhältnisse im Team akzeptiert, er spricht von sich als Randerscheinung. Er macht einen Bogen um die Brisanz, die das angespannte Verhältnis zwischen Kiefer und Haas mit sich bringt. „Ich würde nie hingehen und den Spielern etwas vorschreiben“, sagt Kühnen. Vorsichtig formuliert er seine Tipps an Sportler, die es mit mehr Talent zu mehr Erfolg brachten. Lieber redet Kühnen von der „Erwartung, der die Spieler großartig Stand gehalten haben“. Und er, die dienende Seele, bleibt Beiwerk reicht Wasser und hält Handtücher, als habe er das schon immer so gewollt. Am Ende, sagt er, stehe Erfolg. Für die Mannschaft. Und für ihn.

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