Sport : "Diesmal haben wir Wien erobert"

Thomas Seibert

"Die Sache ist erledigt." Sanli Sarialioglu, Sport-Kolumnist bei der türkischen Boulevard-Zeitung "Sabah", sprach am Sonntag vielen Türken aus dem Herzen. Zwar müsse die türkische Fußball-Nationalmannschaft am Mittwoch in Istanbul noch einmal gegen Österreich antreten, aber nach dem 1:0-Sieg der Türken in Wien sei die erste WM-Teilnahme seit 1954 für die türkische Mannschaft so gut wie sicher, schrieb Sarialioglu. Seine Einschätzung ist typisch für die bisweilen an Überheblichkeit grenzende Selbstsicherheit der türkischen Fußball-Nation nach dem als "historisch" gefeierten Hinspiel-Sieg gegen die Österreicher. "Hallo Japan, wir kommen", titelte die Sportzeitung "Fotomac".

Die Tatsache, dass die letzte WM-Teilnahme der Türkei fast ein halbes Jahrhundert her ist, verleitet die Türken dazu, den Sieg über Österreich als epochale Weichenstellung zu betrachten. Eine speziell türkische Symbolik kommt hinzu: Der 1:0-Erfolg wurde am Todestag des türkischen Staatsgründers Atatürk gefeiert, der in Türkei jedes Jahr mit Gedenkminuten und Kranzniederlegungen begangen wird. Dazu kommt für die Türken außerdem die Erinnerung an die gescheiterten Versuche des osmanischen Reiches, Wien einzunehmen. "Diesmal haben wir Wien erobert", lautete eine "Sabah"-Schlagzeile. Nicht nur die Presse war nach dem ersten Sieg einer türkischen Mannschaft in Wien aus dem Häuschen. Der Präsident des türkischen Fußball-Verbandes, Haluk Ulusoy, vergoss nach dem Erfolg im Ernst-Happel-Stadion vor lauter Rührung Freudentränen.

Bei so viel Begeisterung lag es an Nationaltrainer Senol Günes, seine Landsleute davor zu warnen. "Unsere Aufgabe ist noch nicht erfüllt", sagte Günes. Das entscheidende Spiel sei das am kommenden Mittwoch in Istanbul. "Wir haben der Türkei unser Wort gegeben."

Kaum ein Fußball-Fan im Land zweifelt jetzt noch daran, dass die Mannschaft dieses Wort auch halten wird. Das Selbstbewusstsein ist nach dem Spiel in Österreich nicht zuletzt deshalb so gewachsen, weil das Wort "Heimvorteil" im Fall der Türkei ganz besonders groß geschrieben werden muss. Im Ali-Sami-Yen-Stadion in Istanbul, dem Stadion des Uefa-Cup-Siegers Galatasaray, müssen sich die österreichischen Spieler darauf gefasst machen, von tausenden Fans gnadenlos ausgebuht zu werden.

Die Atmosphäre in Ali Sami Yan ist schon bei Liga-Spielen aufgeheizt. Am Mittwoch aber werden die Zuschauer erst recht versuchen, den Gegner mit ohrenbetäubendem Lärm, Schlachtgesängen und den traditionellen, kriegerisch anmutenden Trommeln einzuschüchtern. Zudem gibt es in Istanbul keinen großen Abstand zwischen Spielfeld und Zuschauerrängen. Nicht ohne Grund begrüßen die türkischen Schlachtenbummler in Ali Sami Yen die Gegner stets mit einem großen Transparent, das zum besseren Verständnis für nicht-türkische Kontrahenten in englischer Sprache beschrieben ist: "Willkommen in der Hölle."

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