Sport : Diesmal ohne Tränen

Sabine Lisicki steht zum zweiten Mal nach 2011 im Halbfinale von Wimbledon.

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Die Spannung hält. Sabine Lisicki kann nach Steffi Graf 1999 als erste deutsche Tennisspielerin wieder ein Finale bei einem Grand-Slam-Turnier erreichen. Foto: dpa
Die Spannung hält. Sabine Lisicki kann nach Steffi Graf 1999 als erste deutsche Tennisspielerin wieder ein Finale bei einem...Foto: dpa

Auch am Tag nach ihrem sagenhaften Coup über Serena Williams war das Beben im All England Club längst noch nicht verhallt. Alle britischen Tageszeitungen hatten Sabine Lisicki auf ihre Titelseiten gehoben, groß bebildert, wie sie überwältigt auf dem Rasen des ehrwürdigen Centre Courts lag. Wie sie vor Freude weinte, weil sie etwas geschafft hatte, das doch eigentlich unmöglich schien. Williams hatte seit Monaten kein Match mehr verloren, und es deutete bis zu jenem Achtelfinale auch wenig darauf hin, dass ihre Serie in Wimbledon reißen würde. Aber in diesem bisher so kuriosen Turnier im Südwesten Londons ist eben auf nichts Verlass. Und mit allen Favoritinnen, die bereits früh strauchelten, hat Lisicki nun vielleicht die Chance ihres Lebens. Williams hatte ihr am Netz noch zugeflüstert, sie solle sich nun auch die Trophäe holen. Doch auf Lisicki wartete zunächst eine Aufgabe, die noch weit schwieriger schien, als die Nummer eins der Welt zu schlagen: Sie musste ihre nächste Runde gewinnen. Und von allen, die in der ersten Turnierwoche einen der großen Stars düpiert hatten, war das keinem einzigen gelungen – Lisicki sollte die erste sein. Mit ihrem 6:3 und 6:3-Erfolg über die Estin Kaia Kanepi steht die 23 Jahre alte Berlinerin zum zweiten Mal nach 2011 im Halbfinale von Wimbledon, wo sie am Donnerstag auf Vorjahresfinalistin Agnieszka Radwanska aus Polen trifft.

„Ich bin einfach nur glücklich“, freute sich Lisicki, dieses Mal ohne Tränen. Es war vielleicht das schwierigste für Lisicki, nach dem Rausch vom Vortag die Spannung wieder aufzubauen. Die meisten Spieler scheitern daran, denn mit dem Druck fällt nach so einem spektakulären Sieg auch die Energie schlagartig ab. Und der Körper signalisiert dem Kopf zudem, dass nach diesem Hochgefühl ohnehin nichts Besseres mehr kommen kann. Das ist fatal, und es kostet viel Kraft, nicht in dieses Tief hineinzurutschen. „Es war so ein unglaubliches Match gegen Serena“, sagte Lisicki, „es war nicht leicht, gestern wieder runterzukommen und die Partie heute ruhig anzugehen.“ Hinzu kam, dass Lisicki gegen Williams als Nummer 24 der Welt nichts zu verlieren hatte, nun für sie selbst jedoch alles auf dem Spiel stand. Der Druck war enorm. Doch als Lisicki den Court No. 1 betrat, hörte sie wie immer in diesen Tagen „Play hard“ von David Guetta auf ihren Ohrstöpseln, als sei die schnelle House-Nummer ihr eigenes Motto. Dabei hatte nicht erst seit dem Williams-Match jeder gemerkt, wie hart Lisicki die Bälle schlagen und dass ihr Druck offenbar nichts anhaben kann. Genauso legte sie dann gegen Kanepi auch los – mit aggressivem Returnspiel und Powertennis von der Grundlinie. Sofort ging Lisicki mit dem Break in Führung, und obwohl ihre eigenen Aufschlagspiele meist über Einstand gingen, holte sie sich mit dem erneuten Break souverän den ersten Satz.

Kanepi war als Nummer 46 der Welt die einzige ungesetzte Spielerin im Viertelfinale. Doch die 28-Jährige stand bereits einmal auf Platz 15 der Rangliste und 2010 in Wimbledon in der Runde der letzten Acht – damals sogar aus der Qualifikation heraus. Für die hochgewachsene, kräftige Estin ist die Wucht ihrer Schläge ebenfalls ihre größte Waffe. Und seit Kanepi mit ein paar Pfund weniger ihre Beweglichkeit verbesserte, geht es mit ihrer Form wieder bergauf. Angelique Kerber hatte das in der zweiten Runde schmerzlich erfahren müssen. Und wie schon gegen die beste Deutsche, schien sich Kanepi im zweiten Durchgang aufzubäumen. Lisicki haderte stetig mit ihrem Aufschlag, der erste verfehlte viel zu oft das Feld. Kanepi nutzte die Schwäche mit dem Break zum 2:1, Lisicki glich jedoch sofort wieder aus. Sie wollte diesen Sieg unbedingt, daran ließ die Berlinerin keinen Zweifel. Lisicki machte sich mit ihrer schwachen Aufschlagquote zwar selbst das Leben schwer – so auch bei den ersten beiden Matchbällen – doch Kanepi verfügte an diesem Tag nicht über die Mittel, ihre deutsche Gegnerin aufzuhalten. Nach einer Stunde hatte Lisicki die Partie mit einem krachenden Vorhandwinner beendet.

Der nächste Schritt war geschafft, zwei weitere würden noch fehlen. Dann wäre Lisicki die erste deutsche Wimbledonsiegerin seit Steffi Graf 1996. „Ich will jedes Match gewinnen, und dann sehen wir, was passiert“, sagte Lisicki und grinste vielsagend. Natürlich traut sie sich diesen Coup zu. Und wenn nicht in diesem Jahr, wann dann? Für die britischen Buchmacher ist der Fall schon längst klar: Sie setzen Lisicki nun mit einer Quote von 11:4 als Topfavoritin auf den Titel an.

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