Sport : Dieter Baumann: Der Kampf muss fortgeführt werden - Kommentar von Klaus Kinkel

Klaus Kinkel

Der Fall Baumann hat tragische Züge - für den Athleten, dessen Schuld oder Unschuld wohl für immer im Unklaren bleiben wird, für den DLV, der in diesem Verfahren die Fronten wechseln musste und jetzt zum zweiten Mal eine Niederlage erlitten hat, für die internationalen Bemühungen um die Doping-Bekämpfung. Das Verfahren trägt absurde Züge: Suspendierung durch den deutschen Verband, Freispruch durch das unabhängige deutsche Verbandsgericht, Anklage durch den internationalen Verband vor dem internationalen Schiedsgericht, Verurteilung und Sperre durch das internationale Schiedsgericht, dann Gnadengesuch wieder direkt vor dem internationalen Verband, das abgelehnt wird. Heute nun eine letzte Hoffnungs-Runde vor dem internationalen Sportgericht des IOC. Zusätzlich noch Verfahren vor ordentlichen Zivilgerichten und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und möglicherweise jetzt eine Klage des deutschen Verbandes vor einem ordentlichen deutschen Gericht gegen die Regeln des internationalen Verbandes. Wer blickt da noch durch? Das Tohuwabohu bei der Doping-Bekämpfung nimmt groteske Formen an. Wir befinden uns in einem juristischer Dschungel, den selbst Insider und Sportrechtsexperten nicht mehr durchschauen. Ein rumänischer Athlet hat in Sydney sogar mit Selbstmord gedroht, wenn er gesperrt werden sollte.

Was kann die Konsequenz sein? Freigabe von Doping, weil man sowieso nichts machen kann? Nein und nochmals nein: Wir dürfen nicht resignieren. Der Kampf gegen das Doping muss mit unverminderter Härte fortgeführt werden. Das sind wir den sauberen Athleten schuldig, dem Prinzip der gleichen Wettbewerbschancen und nicht zuletzt den Milliarden von begeisterten Olympia-Zuschauern, die keinen Wettbewerb der Pharmakonzerne sehen wollen. Ganz wichtig: zum Schutze der Athleten ein rechtsstaatliches Verfahren. Anders als im Strafrecht ist in Doping-Verfahren vertretbar, dass Athleten in Umkehr der Beweislast im Falle einer positiven Doping-Probe ihre Unschuld beweisen müssen. Das ist auch Folge und Preis der Autonomie des Sports und seiner Verbände, der Freiwilligkeit, mit der sich die Sportler diesen Regelungen unterwerfen, und einer Abwägung zwischen den Startrechten der Athleten und der besonderen Bedeutung der Doping-Bekämpfung. Aber gerade weil in der Doping-Bekämpfung andere Maßstäbe als im Strafrecht gelten, muss das Verfahren unbedingt überschaubar sein. Sonst geht jede Akzeptanz verloren - sowohl bei den Athleten, als auch bei den Verbänden und vor allem den Zuschauern.

Gut gemeinte Rücksichtnahme auf die Dramatik von Einzelschicksalen, Verbandsquerelen, Profilierungssüchte von Sportfunktionären, internationales Hick-Hack zwischen Verbänden und Sportpolitikern - all das darf keine Rolle spielen. Nur mit einem international und für möglichst alle Sportarten einheitlichen, überschaubaren und von Aktiven, Funktionären und Zuschauern akzeptierten System der Doping-Bekämpfung können wir der Welt-Geißel Doping endlich Herr werden.

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