Sport : Dieter Baumann: Im Räderwerk einer seltsamen Gerichtsbarkeit

Frank Bachner

Mal überlegen, wie Javier Sotomayor die "Anti-Doping-Politik der Welt-Leichtathletik voranbrachte": Weil er nicht, wie mal ein Franzose, durch ein Toilettenfenster flüchtete, als ein Doping-Kontrolleur anrückte? Weil der kubanische Hochsprung-Weltrekordler einen Tester nicht mit einem gezielten rechten Haken außer Gefecht setzte? Oder weil er - eine Leistung, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann - sich widerstandslos testen ließ, angeblich 300 mal in 15 Jahren? Irgend so etwas muss es gewesen sein. Sotomayor hatte zwar 1999 in zwei Tests Kokainspuren im Urin, aber seine zweijährige Sperre wurde, rechtzeitig für einen Start bei den Olympischen Spielen, im August vom Council des Leichtathletik-Weltverbands IAAF auf zwölf Monate gekürzt. Eine Begnadigung, die bis dahin in der Geschichte der IAAF gerade dreimal ausgesprochen worden war. Aber dazu musste einer, so lautete das Kriterium, schon "die Anti-Doping-Politik weitergebracht haben".

Dieter Baumann hat das IAAF-Council am Dienstag nicht begnadigt. Der hat natürlich auch den Anti-Doping-Kampf nicht richtig vorangebracht, das weiß ja jeder. Außerdem hatte er Nandrolon im Körper, das weiß auch jeder.

Ist Baumann Opfer oder Betrüger? Darum geht es gar nicht mehr. Es geht darum, dass bei der IAAF-Rechtssprechung Seltsames passiert. Und dass sich der Eindruck verstärkt, dass Baumann ins Räderwerk einer seltsamen Gerichtsbarkeit kam, dass die IAAF-Funktionäre und -Richter allmählich immer mehr Glaubwürdigkeit im Anti-Doping-Kampf verlieren. Es gibt einfach zu viele Ungereimtheiten.

Helmut Digel jedenfalls, Council-Mitglied und als Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) quasi auf der Anklagebank beim Baumann-Verfahren in Sydney, verkündet empört, "dass ich noch nie einen Fall erlebt habe, der so schnell durchgepeitscht wurde". Normal benötigen die IAAF-Richter neun Monate für einen Urteilsspruch, bei Baumann ging dagegen alles ruck-zuck.

Wie dubios bei der IAAF gearbeitet wird, zeigt schon ein Blick in die Sitzung des Councils, bei der die Fälle Baumann und Sotomayor behandelt wurden. Für Digel war das Treffen "sehr eigenartig. Es war ein politisches Taktieren", erzählte er später der "Süddeutschen Zeitung". Rechtlich war eigentlich alles klar: Das Council darf einen Dopingfall nur ans Schiedsgericht weiterleiten, wenn der nationale Rechtsausschuss einen groben Rechtsfehler begangen hat. Die deutschen Richter haben sich aber bei ihrem Freispruch streng an das deutsche Recht gehalten, daran ist nicht zu zweifeln. Doch diese Tatsache, sagt Digel, hätte die Council-Mitglieder nicht interessiert. Nicht mal das Urteil des Rechtsausschusses, das Digele xtra kopiert hatte, lag auf dem Tisch. Stattdessen wurde plötzlich über Sotomayor und drei weitere Dopingfälle entschieden, und zwar geheim. Anschließend war dieses Quartett startberechtigt. "Ich habe immer gefragt: Meine Herren, wissen Sie denn was sie tun? Das sind doch Leute, die vom Schiedsgericht gesperrt wurden", erzählte Digel. Dann wurde über Baumann abgestimmt, aber diesmal öffentlich. "Als man am Ende das Ganze bilanzierte, waren Jammer und Betroffenheit groß." Baumanns Fall aber landete beim Schiedsgericht, und das urteilte hart.

Die Sprinterein Merlene Ottey aber, nandrolongedopt wie Baumann, wurde freigesprochen. Aus einem einfach Grund: Der Experte Simon Davis hatte schlicht falsch gerechnet. Das fiel auf, als über drei ebenfalls nandrolon-gedopte Briten verhandelt wurde. Das IAAF-Schiedsgericht reagierte auf den Fehler und sperrte das Trio. Nur Ottey, genauso gedopt wie die Briten, darf weiterhin laufen.

Der äöffentliche Aufsschrei war riesengroß. Und jetzt, vermutet Digel, musste das IAAF-Schiedsgericht Härte zeigen. Deshalb das Urteil im Fall Baumann, deshalb die gerichtliche Ohrfeige für den DLV, der in Sydney bekanntlich angeklagt war.

Nur macht der Zick-Zack-Kurs alles nur noch schlimmer. Und selbst die Rolle von Arne Ljungquist, Vorsitzender der Anti-Doping-Kommission des DLV, ist inzwischen unklar. "Das war eine Weihnachtsbescherung für Doper", sagte er noch nach der Sotomayor-Begnadigung. "Wir wollen, dass das deutsche Urteil revidiert wird", erklärte er in Sydney vor der Schiedsgerichts-Sitzung.

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