Dieter Hoeneß : „Eitelkeit ist mir fremd“

„Es war anstrengend mit Favre, für beide. Aber notwendig“ „Hertha wird immer einen Platz in meinem Herz haben“. Dieter Hoeneß über das Wiedersehen mit Hertha BSC, die Arbeit mit starken Trainern – und Würfelspiele gegen seine Frau.

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Dieter Hoeneß, 57, arbeitete 13 Jahre lang für Hertha BSC. -Foto: ddp

Herr Hoeneß, haben Sie als Manager schon einmal geweint?



Ja, aber aus Freude. Einmal haben mich die Emotionen übermannt: Das war, als nach unserem Aufstieg 1997 unser Trainer Jürgen Röber stark unter Druck stand. Im Spiel gegen den Karlsruher SC ging es um seine Entlassung. Wir lagen zurück, aber haben doch noch gewonnen – und ich hatte feuchte Augen.

Haben Ihnen die Tränen, die Michael Preetz gerade bei Hertha BSC vergossen hat, leidgetan?

Mich lässt das Thema Hertha nicht kalt. Vor dem Heimspiel in Wolfsburg gegen Hertha packt mich das natürlich. 13 Jahre lassen sich nicht einfach so wegschieben. Aber zu meinem Nachfolger Michael Preetz möchte ich nichts sagen. Ich versuche, mich in Sachen Hertha komplett zurückzunehmen.

Sie reden noch von „wir“, wenn Sie über Hertha sprechen.

Hertha ist ein wichtiges Kapitel in meinem Leben. Die Emotionen – auch die Art, wie es im Konflikt auseinandergegangen ist – brauchen einfach ihre Zeit der Verarbeitung. Deshalb habe ich mir ein halbes Jahr Pause genommen, bin gereist, habe Freunde besucht, aber auch einen Berg an Formalitäten endlich erledigt. Ich suchte den Abstand zu Hertha. Mir bleiben viele positive Emotionen und phantastische Momente. Hertha wird immer einen Platz in meinem Herz haben.

Sie haben Ihren unfreiwilligen Rückzug angesprochen. Was wollen Sie beim VfL Wolfsburg anders machen?

Ich möchte hier mit meinem Team für neue Strukturen sorgen. Als Vorsitzender der Geschäftsführung bin ich in allen Themen drin. Das war bei Hertha, wo ich die Strukturen von Grund auf aufgebaut habe, auch schon so. Hier in Wolfsburg gibt es gut arbeitende Abteilungen, aber viele Fäden müssen zusammengeführt werden. Dafür bin ich geholt worden.

Halten Sie hier wieder alle Fäden in der Hand?

Was heißt hier wieder? Das Klischee über mich von der One-Man-Show hat doch nie gestimmt. Bei Hertha hieß es doch, ich hätte auch noch den Speiseplan für das Nachwuchs-Leistungszentrum bestimmen wollen. Aber das ist einfach unwahr. In Berlin hatten wir mit Ingo Schiller einen guten Mann für die Finanzen, im Vergleich zu ihm bin ich in diesem Bereich eine Null. Aber dennoch bin allein ich mit allen finanziellen Dingen in Verbindung gebracht worden – im Positiven wie im Negativen. Aber Schluss jetzt, ich will zu Hertha nichts mehr sagen.

Anders gefragt: Wollen Sie auch in Wolfsburg das Gesicht des Vereins werden?

Es ist der Wunsch des Aufsichtsrats gewesen, dass ich das werde. Und ich habe nichts dagegen. Ich stehe seit 35 Jahren in der Öffentlichkeit. Überall, wo ich hinkomme, stehe ich für etwas im Fußball. Dem kann ich mich doch nicht entziehen. Der VfL Wolfsburg hat die Grundsatzentscheidung getroffen, dass man neben dem Trainer noch ein zweites Gesicht braucht. Und ich bin einer, der gerne Verantwortung übernimmt.

Welche Fehler wurden in Wolfsburg direkt nach der Meisterschaft gemacht?

Fehler in der Euphorie kommen oft vor. Der VfL ist nicht der einzige Verein, der einem überraschenden Erfolg erliegt. Das ist ähnlich wie damals bei Hertha. Wir sind in Berlin nach dem Aufstieg in der zweiten Saison gleich in die Champions League gekommen. Dann will man am Erfolg festhalten und macht den einen oder anderen Fehler.

Sie meinen die Einstellung von Armin Veh als Trainer und Manager.

Armin Veh wäre sicher lieber nur Trainer gewesen. Die Last der drei Rollen als Geschäftsführer, Manager und Trainer hat ihn fast erdrückt. Aber bei seiner Einstellung hat man fast keine andere Möglichkeit gesehen, als ihn in die gleiche Position zu hieven, die Felix Magath zuvor innehatte. Ich schließe jedenfalls aus, dass ein Trainer hier auch wieder Geschäftsführer wird.

Aber Felix Magath hatte als Trainer, Manager und Geschäftsführer Erfolg.

Ja, aber nachhaltig für den VfL war das Modell nicht. Lassen Sie mich allgemein antworten: Das englische Modell von Trainer und Manager in Personalunion ist gescheitert – mit den beiden Ausnahmen Arsenal und Manchester United. Und bei letzteren stimmt das auch nicht mehr. Manchester galt zwar jahrelang als Vorzeigeklub. Doch jetzt erfährt man, dass der Klub 800 Millionen Euro Verbindlichkeiten hat. Bei anderen Klubs in England durfte ein Einzelner das Personal bestimmen und für viel Geld Spieler holen. Dann wird er bei ausbleibendem Erfolg entlassen, und das ganze Spiel beginnt wieder von vorne. Das ist auf lange Sicht schädlich. Deshalb ist die Premier League sechsmal so hoch verschuldet wie die Bundesliga – trotz viel höherer Einnahmen. Daran sieht man: Trainer brauchen ein Regulativ. Es muss zwei Pole geben, die sich reiben. Da kann es natürlich schon mal krachen.

So wie in Berlin zwischen Ihnen und Lucien Favre?

Das war anstrengend, für beide. Aber es war notwendig für den Verein. Am Ende geht es darum, was man auf die Bahn bringt. Und wir hatten Erfolg.

Und trotzdem wurden Sie geschasst.

Das stimmt nicht. Ich wollte gehen, weil wir zu unterschiedliche Auffassungen über meine Rolle in meinem letzten Vertragsjahr bis Sommer 2010 hatten.

Inwieweit können Sie loslassen, wenn es um das Zusammenspiel mit Trainern geht?

Die Leute hier in Wolfsburg wollten meine Fußballkompetenz. Die haben mich nicht geholt, damit ich mich zurückziehe. Ich werde auch nichts loslassen. Warum sollte ich das tun?

Weil Ihre Nähe zur Mannschaft einen Trainer bei seiner Arbeit behindern kann.

Nein, so ist das nicht. Es geht darum, wie man diese Rolle ausfüllt. Ich lebe Fußball mit jeder Faser. Ich brauche die Nähe zur Mannschaft, um zu spüren, was da passiert und was sich entwickelt. Ich habe nun mal die Hauptverantwortung im sportlichen Bereich.

War diese Nähe für die Trainer unter Ihnen ein Problem?

Das ist doch Unsinn, für die schon gar nicht. Mich ärgert, dass da unterschwellig immer suggeriert wird, der Hoeneß könne nicht mit starken Trainern. Und das, obwohl ich mit Typen wie Jürgen Röber, Huub Stevens, Hans Meyer oder Lucien Favre gearbeitet habe – alles andere als Duckmäuser und jeder auf seine Art bisweilen auch schwierig. Bei einem Fußballverein ist es doch so, dass jeder Trainer ein Pendant braucht. Es geht nicht in erster Linie darum, was der Trainer wünscht, sondern was der Verein möchte. Allein dem fühle ich mich verantwortlich. Wenn du ein kleines Kind fragst, ob es zwei oder fünf Eiskugeln haben möchte, wird es fünf sagen. So ist es mit den Trainern auch. Willst du mehr Macht oder weniger? Aber das hier ist doch kein Wunschkonzert. Die Trainer haben das Beste für den Verein zu tun.

Und was das Beste ist, bestimmen Sie?

Nein, es ist immer ein Zusammenspiel. Aber ich bin einer, der Dinge angeht und nach vorne geht. Und auch wenn Sie es nicht glauben: Eitelkeit ist mir fremd. Das ist nicht mein Motiv. Mein Motiv ist der Erfolg. Ich will gewinnen. Ich mache sicherlich nicht alles richtig. Aber fürchterlich viel falsch gemacht habe ich bislang auch nicht.

Herr Hoeneß, wo wollen Sie mit der Meisterschale in Wolfsburg feiern?

Unsere Vision heißt Champions League. Mittelfristig wollen wir den Verein im vorderen Teil der Tabelle etablieren und international dabei sein. Eine Meisterschaft kann man nicht planen. Das kann vielleicht Bayern München. Aber zwischen denen und uns liegen Welten.

Sie wirken hier in Wolfsburg irgendwie entspannter als in Berlin.

Ich hatte Zeit, runterzukommen. Es war in Berlin wunderschön. Aber es war umso belastender, dass ich den Erfolg am Schluss nicht genießen konnte. Hier in Wolfsburg musste ich allerdings gleich wieder von null auf hundert marschieren. Es gab einen Trainerwechsel, was überhaupt nicht geplant war. Jetzt haben wir die sportlichen Probleme in den Griff bekommen. Das ist natürlich eine Befriedigung. Abends gönne ich mir täglich das Ritual, eine Zigarre zu rauchen. Aber nur eine. Als Belohnung.

Sind Sie schon mal in Wolfsburg ausgegangen?

Dafür hatte ich bislang kaum Zeit. Aber es gibt hier ein paar schöne Restaurants. Manchmal sitze ich auch einfach nur zu Hause, sehe fern, lese ein Buch oder spiele mit meiner Frau ein Würfelspiel.

Können Sie da verlieren?

Ich will immer gewinnen. Aber wenn ich gegen meine Frau spiele, sehe ich das nicht ganz so eng.


Das Gespräch führten Robert Ide und Christian Otto.

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