Sport : „Dieter Hoeneß irrt“

Bundestrainer Michael Skibbe über die Nationalelf zwischen WM und EM, den Konflikt mit Hertha und die Überlastung der Profis

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Herr Skibbe, nach der WM ist vor der EM. Finden Sie überhaupt die Muße, Ihren Erfolg in Japan und Südkorea zu genießen?

Natürlich ist es wichtig, sich die Zeit für die Freude zu nehmen, auch für mich persönlich. Aber diese WM bedeutet für uns auch eine Verpflichtung...

... die Leistung zu bestätigen. Die Erwartungen an die Nationalelf könnten schneller steigen als das tatsächliche Leistungsvermögen.

Das kann passieren. Deshalb ist man gut beraten, wenn man ein solches Turnier als das nimmt, was es auch ist. Nämlich eine sportliche Auseinandersetzung über einen Zeitraum von gut vier Wochen, letztlich eine Momentaufnahme. Ich bin sicher, würde in zwei, drei Monaten mit denselben Teams eine neue WM ausgespielt, es wären andere Mannschaften, vielleicht die eigentlichen Favoriten, Frankreich, Argentinien, die sich in den Vordergrund spielen würden.

Was bedeutet das für die deutsche Elf?

Dass dieses Team noch nicht über die Konstanz und über das fußballerische Potenzial verfügt, das nötig ist, um den Ansprüchen an einen Vizeweltmeister in jedem Spiel vollauf gerecht zu werden. Diese WM kann nicht bedeuten, dass wir auf lange Zeit nun die zweitbeste Mannschaft der Welt sind. Zu den sechs, acht oder zehn besten Mannschaften aber dürfen wir uns zählen.

Da passt es gut, wenn Uli Stielike, der Nachwuchstrainer des DFB, fordert, man dürfe nicht vergessen, dass teils auch glückliche Umstände dazu geführt hätten, dass Deutschland Vizeweltmeister wurde; die Analyse müsse weg von dieser Euphorie.

Die Euphorie im eigenen Land sollten wir schon fördern, schließlich bedeutet Euphorie für uns Zuspruch und Unterstützung. Andererseits hat Uli Recht, dass wir persönlich kühlen Kopf bewahren müssen. Schließlich gilt es, die richtigen Maßnahmen für die nächsten Jahre einzuleiten. Insbesondere die Talentförderung und den Aufbau schlagkräftiger Teams, nicht nur der A-Mannschaft, sondern auch von guten Nachwuchsteams.

Eine Arbeit, von der immer wieder zu hören ist, das Sie vor allem von Ihnen geleistet wird, die Anerkennung aber bekommt Rudi Völler.

Das stimmt nicht. Rudi Völler und ich haben eine nahezu identische Auffassung davon, wie wir Fußball spielen wollen. Wir haben schon vor unserer Zusammenarbeit abgesprochen, wie unser Auftreten vor der Mannschaft und in der Öffentlichkeit aussehen soll.

Wie genau sieht die Arbeitsteilung bei Skibbe und Völler aus?

Das sieht so aus, dass ich mehr für die Arbeit auf dem Platz verantwortlich bin, weil ich als Trainer eine größere Erfahrung habe, als sie Rudi bei Bayer Leverkusen als Sportdirektor erlangen konnte. Die Inhalte aber werden stets von uns gemeinsam erarbeitet.

Wie kommen Sie beide zu einer Entscheidung?

Wir sind nur ganz selten unterschiedlicher Meinung. Wir erarbeiten die Dinge gemeinsam. Das letzte Wort hat aber Rudi.

Nicht einer Meinung sind Sie im Moment mit Herthas Manager Dieter Hoeneß in Bezug auf Marko Rehmer. Ist Rehmer bei der Nationalmannschaft falsch behandelt worden?

Ich möchte nicht von Meinungsverschiedenheiten sprechen, denn ich schätze Dieter Hoeneß. Und es ist verständlich, dass ein Manager nur ungern auf einen seiner wichtigsten Spieler verzichtet, wenn es darum geht, sein Team wieder in der Bundesliga zu positionieren. Dennoch muss ich selbstverständlich betonen, dass Marko Rehmer natürlich nicht falsch behandelt worden ist. Bei der Nationalmannschaft haben wir die besten Ärzte und besten Physiotherapeuten Deutschlands. Alles, was Marko betrifft, ist in engster Absprache mit diesen Experten geschehen. Dieter Hoeneß irrt, wenn er sagt, der Spieler sei falsch behandelt worden.

Diese Auseinandersetzung zeigt den Interessenkonflikt zwischen der DFB-Elf auf der einen und den Klubs auf der anderen Seite. Erwarten Sie sich da mehr Unterstützung, gerade auch im Hinblick auf die WM 2006?

Wir sind uns der Unterstützung der Klubs gewiss. Mit Einführung des Arbeitskreises Nationalmannschaft ist eine größere Nähe zwischen Liga und DFB entstanden. Unser Verhältnis ist dank langer Gespräche völlig unproblematisch. Gerade so erfahrene Leute wie die Hoeneß-Brüder wissen, dass es für jeden Fußballer das Schönste ist, wenn er an einer WM teilnehmen kann. Um die deutsche Meisterschaft spielt man jedes Jahr, um den WM-Titel dagegen vielleicht überhaupt nur einmal in der Karriere. Oder gar nicht, wie Mehmet Scholl, einer der besten Mittelfeld-Spieler der letzten Jahre. Er wird nie an einer WM teilgenommen haben.

Scholl fühlte sich überfordert. Sehen Sie die grundsätzliche Gefahr einer Überlastung?

Ich glaube, dass die Leistung der deutschen Mannschaft bei dieser WM gezeigt hat, dass man auch nach einer langen, harten Saison durchaus eine topfitte Mannschaft zu einem solchen Turnier schicken kann.

Bei den Portugiesen oder den Franzosen sah das anders aus.

Natürlich ist die Belastung für Top-Spieler, die zusätzlich zur nationalen Liga auch in der Champions League engagiert sind, sehr hoch. Und ich glaube, dass nach einer langen Saison die psychische Belastung sogar schwerer wiegt als die physische. Da sollten sich alle um eine Harmonisierung bemühen.

Wie kann die aussehen?

Die nationalen Ligen bieten da nur wenig Spielraum. Wichtig ist gegenseitige Rücksichtnahme. So haben wir in allen Vorbereitungsspielen der Nationalmannschaft auf die Weltmeisterschaft darauf verzichtet, angeschlagene Spieler zu nominieren, obwohl wir wussten, dass man sie Tage später in der Bundesliga durchaus einsetzen würde. So haben wir unseren Beitrag etwa zu den Leistungen von Bayer Leverkusen in der Champions League geleistet. Wichtig wird natürlich aber auch sein, dass der Wettbewerb in der Champions League, wie geplant, gestrafft wird.

Sie haben gerade betont, dass angeschlagene Spieler durchaus spielen. Ist es denn heute Usus, dass Spieler fit gespritzt werden?

Nein, wenn man einen Spieler spritzt, wägt man immer auch das Risiko ab. Ein angebrochener Zeh ist zwar schmerzhaft, man kann damit aber durchaus spielen, wenn der Spieler eine lokale Betäubung erhält. So hat Oliver Neuville in der Endphase der Meisterschaft mit einem angebrochenen Zeh gute Spiele gemacht, ohne Schaden zu nehmen. Leidet ein Spieler aber an einer leichten Zerrung, dann wird man ihn nicht spritzen und auch nicht spielen lassen, weil die Gefahr einer größeren Muskelverletzung einfach zu groß ist. „Fit gespritzt" wird weder in der Bundesliga noch in der Nationalmannschaft.

Das Gespräch führte Andreas Kötter.

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