Sport : Dieter Lindemann in einer historischen Rolle

FRANK BACHNER

Früherer van-Almsick-Trainer einer der Angeklagten im ersten Prozeß gegen DDR-StaatsdopingVON FRANK BACHNER BERLIN.Was hat eigentlich Dieter Lindemann zuletzt gemacht? Weiß keiner so genau.Angeblich hat er in einer Autowäscherei gejobbt.Angeblich hat er sich auch als Schwimm-Trainer in Österreich beworben.In der Schwimmhalle des Sportforums Hohenschönhausen wissen die alten Kollegen auch nichts."Wir haben ihn seit Mitte Oktober nicht mehr gesehen", sagen die Trainer.Mitte Oktober wurde Dieter Lindemann vom Deutschen Schwimmververband als Bundesstützpunkt-Trainer fristlos gefeuert, Mitte Oktober übergab Lindemann, überaus korrekt, seine Unterlagen an die Kollegen.Dieter Lindemann ließ sich nicht einfach ins Ungewisse fallen.Er begann seinen Abstieg sehr korrekt.Und in ein paar Wochen weiß er, ob der in einer Gefängniszelle endet.Dieter Lindemann steht ab heute vor dem Landgericht in Berlin.Der frühere Schwimmtrainer des SC Dynamo Berlin, der langjährige Coach von Fraziska van Almsick, in einer neuen Rolle: als Angeklagter.Körperverletzung an minderjährigen Schwimmerinnen wirft ihm die Anklage vor.Körperverletzung durch den Einsatz von Dopingmitteln.Lindemann ist nicht der einzige Angeklagte, er ist nur der prominenteste.Vor Gericht stehen drei weitere ehemalige Trainer des SC Dynamo Berlin sowie zwei Sportärzte des früheren Spitzen-Vereins, darunter Volker Frischke, wie Lindemann zuletzt Bundesstützpunkt-Trainer in Berlin.Die Anklage ist in allen Fällen identisch: Körperverletzung durch Dopingabgabe.Durch die Dopingmittel, so die Staatsanwaltschaft, "soll es generell zu Störungen des Muskelwachstums gekommen sein und in mehreren Fällen zu schmerzhaften Erscheinungen und Veränderungen der Stimmlage oder Zunahme der Körperbehaarung".Die Talente hatten keine Ahnung, was sie schluckten, die Trainer, erklärt die Staatsanwaltschaft, sagten nur, es handele sich bei den Tabletten um "Vitaminpillen".Eine Schwimmerin erklärte vor der Staatsanwaltschaft, Lindemann habe gemeint, die Pillen seien "gut für die Zähne".80 Journalisten aus aller Welt, darunter aus den USA, Kanada und Australien, wollten sich für den Prozeß akkreditieren (Platz ist aber nur für 60).Fernsehteams aus allen möglichen Ländern sind eingeschwebt, die weltweite Aufmerksamkeit ist enorm.Das hat nicht bloß etwas mit Lindemanns Bekanntheitsgrad zu tun.Es ist, sportpolitisch, ein historischer Prozeß.Der erste Prozeß, in dem die düsteren Seiten des DDR-Sports, das flächendeckende Doping, juristisch aufgearbeitet wird.Und Lindemann und Kollegen sind nur die Spitze einer Flutwelle, die in nächster Zeit über die Gericht schwappen wird.Gegen 680 Personen wird ermittelt, gegen Trainer, Funktionäre, Ärzte, Schreibtischtäter.Seit fast fünf Jahren arbeiten Staatsanwälte, um die Auswirkungen des berüchtigten Staatsplanthemas 14.25, der offiziellen Anweisung zu flächendeckendem Doping, juristisch aufzubereiten.Der Doping-Eperte Werner Franke hatte 1992 durch eine Anzeige die Ermittlungen angestoßen.Jugendliche wurde gedopt, Mädchen mußte Medikamente schlucken, deren Einsatz beim Menschen in der DDR offiziell verboten waren, einem Gewichtheber wuchsen Brüste, das alles waren die Folgen des Staatsplanthemas 14.25.Diese Vergangenheit wird ab heute vor Gericht aufgearbeitet.20 Verhandlungstage sind angesetzt, der letzte am 1.Juli.Es gibt eine große Zahl von, teilweise prominenten, Zeugen.Lindemann und Co.drohen jeweils bis zu drei Jahren Gefängnis.Das war nach DDR-Gesetz die Höchststrafe für Körperverletzung.Nach westdeutschem Recht hätte eine härtere Strafe gedroht.Doch da nach dem jeweils milderen Recht geurteilt werden muß, gelten die damaligen DDR-Gesetze.Heute wird man wohl auch erfahren, was Lindemann in den letzten Monaten gemacht hat.

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