Sport : Dieter Thoma denkt eher perspektivisch

LUTZ RAUSCHNICK

OBERSTDORF .Das Zaudern, Zagen und Rätseln hat heute ein Ende, wenn um 14 Uhr am Startbalken der Oberstdorfer Schattenbergschanze die Ampel auf Grün springt und die Anlaufspur freigibt für die Qualifikation zum ersten Springen der Vierschanzen-Tournee am Mittwoch (12.30 Uhr/ARD).Kurze Zeit später wird endlich auch Dieter Thoma aus Hinterzarten wissen, zumindest aber ahnen, ob es vielleicht doch noch "sein Jahr wird" oder nicht.Er selbst bezweifelt es."Ich muß es einfach nutzen, um mich zu verbessern, vielleicht läuft dann wenigstens zur Weltmeisterschaft im Februar schon was." Hoffnungen, eher perspektivisch formuliert.

"Der Dieter nimmt nichts leicht." Die Einschätzung von Bundestrainer Reinhard Heß ob der mentalen Empfindsameit seines einstigen Musterschülers trifft die gegenwärtige Gefühlslage des 29jährigen präzise, "der Dieter trägt Mißerfolge immer so lange mit sich herum." Sven Hannawalds Erfahrungen ergänzen das Bild.Einmal Platz zehn in Chamonix als saisonales Highlight, da war es kein Problem, Thoma vor Weihnachten statt zum Weltcup nach Harachov gemeinsam mit Martin Schmitt und Co-Trainer Wolfgang Steiert ins Trainingslager nach St.Moritz zu schicken.Es nagte schon an ihm, daß die nach der siebenten Knieoperation verpaßten 400 Trainingssprünge im Sommer seine Flugkurven zu kurz geraten ließen.

"Von so einer Form, wie sie Martin Schmitt hat, träume ich schon seit 15 Jahren", ließ Dieter Thoma auch erkennen, daß das Suchen nach der verlorenen Form ihn grundlegender beschäftigt."Er hatte zunächst noch eingewendet, er wolle lieber nach Harrachov, um unter den ersten 15 im Weltcup zu bleiben und sich damit das Startrecht für die jeweils ersten Wertungsdurchgänge bei der Tournee sichern zu können.Da habe ich zu ihm gesagt, wenn Du das nicht schaffst und in die Qualifikation mußt, brauchst Du gar nicht erst anzutreten." Die Motivationshilfe des Reinhard Heß tat ein übriges, um den Mann, der vor zehn Jahren sein erstes von drei Tourneespringen in Oberstdorf gewann (dazu die Gesamtwertung 89/90), um diesen selbsternannten Feuerkopf zur Einsicht gelangen zu lassen, daß ein bißchen weitere Grundlagenarbeit vielleicht den ersehnten Erfolg bringt.

Es war, wie Steiert schildert ("Die haben sich da duelliert"), schon typisch für das gegenwärtige Leistungsgefüge in der Mannschaft, was sich da in St.Moritz abspielte: Immer wieder sprang Thoma voraus, verzichtete teilweise auf Telemark-Landungen zugunsten weiter Flüge, doch Martin Schmitt sprang stets ein, zwei, manchmal auch drei Meter weiter."Es fehlen nur Kleinigkeiten, mit einem guten Sprung bin ich nicht weit weg von Martin." Thoma testete zudem längere Ski und eine neue Bindung - die Distanz zum Weltcupzweiten aus Tannheim verkürzte sich dadurch nicht.

"Doch wenn der Dieter Oberstdorf sieht, ist er gleich eine Klasse besser." Steierts Hoffnung reicht sicher nicht aus, um den Schwarzwälder einfach wieder an die Spitze heranfliegen zu lassen.Vielleicht schon eher die Tatsache, daß Thoma mit 29 Jahren und der Routine von zehn Jahren Skisprung-Zirkus mit all seinen Facetten einen Reifeprozeß durchgemacht hat, an dessen (vorläufigem) Ende die Erkenntnis steht, daß man Skispringen vor allem können muß.Wer es nur will, bremst sich mental selber aus, Bruchlandungen eingeschlossen.

"Es ist jetzt anders als früher.Wer im Vorfeld so super springt wie der Martin, der muß seine Form beweisen.Ich habe jetzt mehr Ruhe, die Erwartung an mich ist nicht so hoch.Ich hatte schon mehrfach einen Lauf in meiner Karriere, in anderen Jahren haben sich die Jungen an Jens Weißflog oder mir gemessen, jetzt hat der Martin diese Funktion.So ist das Prinzip." Dieter Thomas Worte zum Tourneestart klingen durchaus überzeugend.Kürzlich, vor dem Weltcup in Oberhof, sprach er aber auch von seinem ungebrochenen Ehrgeiz und darüber, daß abwarten, bis der Erfolg wieder zurückkehrt, nicht so einfach ist."Bis der Kuchen fertig ist, hat man schon mal Hunger."

0 Kommentare

Neuester Kommentar