Sport : Dieter vor Uli

Spitzenspiel der Hoeneß-Brüder: Hertha kommt nach München und steht in der Tabelle besser da

Helmut Schümann

Berlin - Es wird dann so sein, morgen in der Münchner Arena: Der kleine Bruder wird auf den großen Bruder zugehen, sie werden sich kurz umarmen, was, da beider Figuren etwas fülliger geworden sind seit gemeinsamen Kindheitstagen, etwas Gigantisches hat, sie werden sich etwas zu sagen haben, etwa „Grüß die Kinder von mir“, sie werden sich anlachen, und das war es dann im großen Bruderduell, zu dem es immer kommen soll, wenn Hertha und der FC Bayern aufeinandertreffen. Mag sein, dass sie hinterher noch in München-Bogenhausen gut speisen gehen, und garantiert wird dann nicht der eine über den anderen triumphieren.

Hertha liegt vor diesem Spiel tabellarisch vor dem FC Bayern, das gab es noch nie, seit Dieter Hoeneß die Geschicke der Hertha leitet, aber ja nun. Es ist wohl ein stark überpsychologisiertes Bild, wenn man sich Dieter, den Jüngeren und in nahezu allen Belangen dem Älteren Uli nachgewachsen, nun feixend vorstellt, als sei er vom Trauma befreit. Und umgekehrt muss man sich Uli auch nicht gramgebeugt denken, weil der Kleine den Großen überflügelt hat.

„Das ist eine Momentaufnahme“, sagt Dieter, „gefördert auch durch den Umstand, dass die Bayern schwächeln und unter Soll liegen.“ Gewiss, einen Bruderzwist wegen Fußball gab es zwischen den beiden schon mal, das war in der Kindheit in Ulm, wenn Uli den Dieter beim Tipp-Kick besiegt hat und dann stiften gehen musste, weil der Dieter dem Uli das Spiel um die Ohren hauen wollte. Aber dass deswegen ein Sieg Herthas über die Bayern besser schmecken soll, nur weil der große Bruder am anderen Ende des Tipp-Kick-Feldes hockt? „Wir sind mit Hertha auf dem richtigen Entwicklungsweg“, sagt Dieter Hoeneß, „das zeigt der Tabellenstand, aber realistisch haben wir keine Chance, diesen Tabellenstand ins Ziel zu bringen.“

Und keine kleine Genugtuung? „Ach nein“, sagt Dieter, „Uli war mir immer einen Schritt voraus, er ist ja auch der Ältere von uns, ein Jahr und zwei Tage.“ Und dann hat der Dieter dem Uli nachgeeifert: Uli war schon Kapitän der Schülernationalmannschaft, da hat der Dieter mit 15 überhaupt erst angefangen, ernsthaft Fußball zu spielen, Uli war Star beim FC Bayern, Welt- und Europameister, und Dieter kickte für den VfR Aalen in Schwaben. 1979 wurde Dieter auch Nationalspieler, aber da war der Uli schon wieder weg und weiter, nämlich Manager beim FC Bayern. Was dann eben auch Dieter wurde, zunächst beim VfB Stuttgart, „und das ist doch nichts Besonderes, dass er mal vor mir steht“, sagt Uli, „damals in Stuttgart ist er sogar Meister geworden.“ Immerhin, eins räumt auch Dieter ein, „wenn man meinen Werdegang sieht, dann kann man schon glauben, ich wollte ihm stets nacheifern. Ein Plan war das allerdings nicht, es dem Uli zu zeigen, unterbewusst kann das aber durchaus ein Antrieb gewesen sein“.

Und der Uli in München mag zum Thema gar nichts mehr sagen, hat keine Zeit dazu, so belanglos ist ihm die Situation, „wir arbeiten halt auf dem gleichen Posten in derselben Branche, und da hat der eine mal die Nase vorn und mal der andere“. In der Tat, auch Dieter hat schon mal gewonnen, bei der ersten Verpflichtung von Sebastian Deisler zum Beispiel, und auch Stefan Beinlich und Pal Dardai wollten beide Klubs haben und Hertha machte das Rennen.

Zu Kain und Abel sind die beiden dabei nicht geworden. Vielleicht auch deswegen, weil der eine, Uli nämlich, an seinen Job nur wegen Dieter gekommen sei. So, erzählt Dieter, habe es ihm der frühere Präsident Wilhelm Neudecker berichtet, Uli sei nur deshalb damals 1979 mit 27 Jahren Manager geworden, weil er versprochen habe, Dieter in Stuttgart loszueisen.

„Und seitdem habe ich ihn nie um seine Arbeit und seine Erfolge beneidet“, sagt Dieter, „sondern war stolz darauf.“ Und umgekehrt erzählt Uli das Gleiche von Dieter, und keiner verweist auf die größeren Erfolge. Die liegen beim FC Bayern, aber Uli sagt auch, dass sein Klub schon Europapokalsieger war, als er die Geschäfte aufnahm, und Hertha am Rande zur Drittklassigkeit, als Dieter in Berlin begann. Soll heißen: Auch nicht schlecht, was der Kleine da geleistet hat. Immerhin so viel, dass Hertha nun als Tabellenzweiter nach München reist, mit stolzer Brust und mitnichten als Außenseiter.

Es wird dann so sein, morgen in der Münchner Arena, nach Abpfiff. Dann wird der siegreiche Bruder, und das wäre Dieter schon bei einem Unentschieden, zum anderen gehen, ihm auf die Schulter klopfen, die beiden werden sich wieder den Fotografen stellen, werden in die Kameras lächeln, der eine fröhlich, der andere süß-sauer, und dann war es das mit dem Familientreffen. „Mach’s gut, Bruder, grüß die Kinder.“

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