Dietmar Demuth : Abschied von der Provinz

Dietmar Demuth war mit St. Pauli Weltpokalsiegerbesieger, jetzt nähert er sich mit dem SV Babelsberg wieder dem großen Fußball an.

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Alles muss raus. Dietmar Demuth hat den SV Babelsberg 03 auf seine ganz spezielle Art in die Dritte Liga geführt.
Alles muss raus. Dietmar Demuth hat den SV Babelsberg 03 auf seine ganz spezielle Art in die Dritte Liga geführt.Foto: dpa

Nicht mal eine Minute dauert es, da treibt es Dietmar Demuth in die Senkrechte. Ein Zweikampf an der Mittellinie, der Ball springt ins Aus, es gibt Einwurf für den 1. FC Magdeburg – eine Fehlentscheidung, aber für den Ausgang des Testspiels wohl nicht weiter von Belang. Dietmar Demuth, der Trainer des SV Babelsberg 03, springt trotzdem von seinem Stuhl auf, er brüllt den Linienrichter an, dann dreht er sich zum Spielfeld und gestikuliert Richtung Schiedsrichter. „Das gehört einfach dazu“, sagt Demuth über seine emotionale Art. „Ich kann nicht anders.“

Wenn Ralf Hechel, der Geschäftsführer des Drittliga-Aufsteigers, bei den Spielen hinter der Bank sitzt, kommt er sich manchmal vor wie in einer Lehrveranstaltung. Demuth redet dann auf die Ersatzspieler ein und kommentiert quasi live die Fehler ihrer Kollegen auf dem Platz. Das ist die harmlose Variante. Die andere hat Denis Weidlich vorige Saison erlebt. In Rostock vertändelte er am eigenen Strafraum den Ball. „Ich bring dich um!“, schrie Demuth übers Feld. Bei ihm gibt es „kein großes Rumgeeier“, sagt er, die Dinge werden „klar angesprochen“, auch wenn das manchmal weh tut. Bei Weidlich hat er sich nach dem Spiel entschuldigt.

„Die Spieler himmeln ihn an“, sagt Ralf Hechel. Quatsch sei das, findet Demuth. Er sitzt im Presseraum des Karl-Liebknecht-Stadions, die Fensterfront in seinem Rücken. So hat er alles im Blick. Nach und nach trudeln die Spieler zum Training ein. Einer von ihnen trägt ein Stück Erdbeertorte auf einem Teller vorbei. Moment, sagt Demuth, dann zeigt er mit dem Finger auf den Platz vor sich. „Hast du auch schon Kaffee aufgesetzt?“ Der Spieler dreht um. Drei Minuten später steht ein Pott Kaffee auf dem Tisch.

„Ich habe hier schon viel an mich gerissen“, sagt Demuth, der mit 55 Jahren der älteste Trainer aller 20 Drittligisten ist. Seit Oktober 2007 arbeitet er in Babelsberg, anfangs nur als Trainer, inzwischen auch offiziell als Sportlicher Leiter. Dass Demuth in sportlichen Fragen die volle Entscheidungsgewalt besitzt, „das hat dem Verein nur gut getan“. Sagt Demuth.

In der vorigen Saison sicherte sich der SVB souverän die Meisterschaft in der Regionalliga Nord und damit den Aufstieg in die Dritte Liga. Wenn die Babelsberger heute mit einem Heimspiel gegen die zweite Mannschaft des FC Bayern München (14 Uhr) in die neue Saison starten, sind sie nach sieben Jahren Unterbrechung wieder drittklassig. Natürlich hat das auch etwas mit Demuth und seiner Arbeit zu tun. „Sportlich hat er die maßgebliche Rolle gespielt“, sagt Ralf Hechel.

Offenbach, Jena und Rostock statt Oberneuland, Plauen und Meuselwitz – nicht nur der Klub nimmt Abschied von der Provinz, auch für Demuth bedeutet der Aufstieg in die Dritte Liga eine Wiederannäherung an den großen Fußball. 2001 ist er mit St. Pauli in die Bundesliga aufgestiegen, ein halbes Jahr später besiegte er mit seiner Mannschaft den Weltpokalsieger Bayern München, wiederum ein halbes Jahr später war St. Pauli wieder zweitklassig – und Demuth kurz darauf seinen Job los. Natürlich sei so ein Aufstieg „was Feines“, sagt er. „Aber ich bin auch Realist. Meine Euphorie hält sich in Grenzen.“

Babelsberg ist nicht der passende Ort für Euphorie. Das Ziel heißt Klassenerhalt. Mehr gibt der Etat kaum her. Nicht mal eine Million Euro steht für das Personal zur Verfügung. „Damit liegen wir mit Abstand an letzter Stelle“, sagt Demuth.

Drei Tage vor dem ersten Saisonspiel haben die Babelsberger prominenten Besuch. Lionel Messi trainiert heute mit der ersten Mannschaft. Er trägt das Trikot der argentinischen Nationalelf, ist neun Jahre alt und in Wirklichkeit der Sohn von Mittelfeldspieler Almedin Civa. Während die Spieler um den Platz laufen, bolzt Messi den Ball wieder und wieder in den Fangzaun. Ein Rentnerehepaar trottet heran. „Die Dauerkartenbesitzer Nummer 305 und 306“, sagt Demuth zu seinem Assistenten, dann geht er an den Spielfeldrand und begrüßt beide per Handschlag.

Im Frühjahr hatte Demuth ein Angebot vom 1. FC Magdeburg. Ein Traditionsklub, gefangen in der Regionalliga. Zwei Tage hat Demuth überlegt, dann hat er seinen Vertrag in Babelsberg um zwei Jahre verlängert. Die Magdeburger wollten die Saison schon vor dem ersten Spiel abschenken, weil der Durchmarsch von Aufsteiger RB Leipzig bereits als sicher gilt. Mit einer solchen Haltung kann Demuth nichts anfangen. „Ich bin ehrgeizig“, sagt er.

Aus den beschränkten Möglichkeiten das Beste machen – auch das kann eine Form von Ehrgeiz sein. Demuth kennt dieses Gefühl vom FC St. Pauli, für den er 226 Ligaspiele bestritten hat. „Ich weiß nicht, ob jemand schlechtere Bedingungen hat“, sagt er über seine Möglichkeiten in Babelsberg. „Unsere Wiese“, nennt er den Trainingsplatz, der nicht mal die vorgeschriebenen Abmessungen besitzt: Der Platz ist zehn Meter zu kurz. Aber das alles müsse kein Nachteil sein: „Wenn man die richtige Einstimmung findet, schweißt das zusammen“, sagt Dietmar Demuth. „Hier wird keinem der Hintern abgewischt, hier muss jeder noch selbst anpacken.“

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