Sport : Dietmar Hötger: Abgetreten und gekündigt

Hartmut Moheit

Egal, mit welchem Tempo sich Dietmar Hötger auf dem Schreibtisch-Stuhl dreht, sein Leben im Judosport läuft vor seinen Augen im Zeitraffer ab. Manchmal erwischt sich der 53-Jährige in seiner Wohnung in Hoppegarten dabei, dass er länger auf das eine oder andere Foto schaut. "Ich habe alle jene Kämpfer in meinem Arbeitszimmer hängen, mit denen ich erfolgreich war", sagt er etwas kleinlaut, fast entschuldigend. Seine eigenen Meriten sind dort nicht dargestellt, zumal die Olympiamedaille von 1972 und die Goldenen zweier Europameisterschaften als Leihgabe auf wundersame Weise abhanden gekommen sind. "Das stimmt mich schon traurig", meint er, "aber was ist das schon im Vergleich zu dem, wie ich momentan behandelt werde."

Noch bei Olympia in Sydney war Hötger als Judo-Bundestrainer ein gefragter Mann, obwohl er bereits im Vorfeld beim Deutschen Judobund seinen Rücktritt eingereicht hatte. Die Erklärung dafür ehrt ihn: "Alle sollten es vorher wissen, egal, ob Olympia ein Erfolg oder ein Misserfolg werden würde." Sydney wurde die größte Pleite für das deutsche Männer-Judo überhaupt. Engagiert urteilte Hötger noch in Australien: "Das ist eine Katastrophe. Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie billig wir uns verkaufen. Es ist mir unverständlich, dass so ein erfahrener Kämpfer wie Martin Schmidt bei Olympia nicht motiviert sein kann." Was er zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte, dass ihm die Eigenkündigung im Nachhinein auf die Füße fallen würde. Der DJB nahm sie nicht nur an, sondern kündigte ihm zum Ende des Jahres ganz. Hötger wurde lediglich beauftragt, noch einen Bericht schreiben, Laptop und Handy abzugeben sowie alles abzurechnen, dann solle er für immer gehen.

"Damit habe ich nicht gerechnet. Ich dachte, es würde eine andere Aufgabe im Verband für mich geben. Plötzlich sollen die Erfolge seit der Wende und davor nichts mehr zählen", äußert er sich tief enttäuscht. "Ich nehme das nicht hin." Sein Problem ist nur, dass nach Olympia im DJB ein Gerangel um das Präsidenten-Amt eingesetzt hat, niemand kompetent ist, Entscheidungen zu treffen. Möglichst 120 Prozent Leistung für garantiert 86 Prozent Gehalt ("Als wäre ich Bundestrainer für Ostdeutschland gewesen"), selbst das soll sich erledigt haben. Begreifen kann das Dietmar Hötger nicht.

Es ist eher seine Frau Annerose, die das Thema Arbeitslosigkeit anspricht, während er die Gartenarbeit momentan als Urlaub ansieht und sich auf der Judomatte beim SC Berlin ("Ohne Sport bekomme ich ja einen Herzklappenfehler") fit hält. Dort, wo auch drei junge Berliner trainieren, die in diesem Jahr noch Deutschland bei der Junioren-WM in Tunesien vertreten werden. "Das ist unsere Zukunft", meint Hötger. "Ich werden als Trainer offensichtlich schon als Auslaufmodell eingestuft." Hötger spricht gelassen aus, woran er nicht glauben mag. Schließlich war er Zeit seines Sportlerlebens ein Kämpfer.

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