Sport : Diplomaten in Stollenschuhen

Heute vor 50 Jahren spielte erstmals eine deutsche Nationalelf in Moskau – das Spiel sollte kurz vor dem Besuch Konrad Adenauers gute Stimmung verbreiten

Steffen Hudemann

Berlin - Wer welche Flanke geschlagen hat, weiß Rudi Michel heute nicht mehr. Auch nicht, ob die deutsche Nationalelf ein gutes Spiel gemacht hat und ob Trainer Sepp Herberger die richtige Taktik gewählt hatte. Es ist ihm auch nicht wichtig. „Es war ein Länderspiel, das von der Bedeutung weit über das 3:2 für die Sowjetunion hinausging“, sagt Rudi Michel heute über das Spiel der Bundesrepublik vor fünfzig Jahren, am 21. August 1955, in Moskau. „Wir haben der deutschen Diplomatie einen Dienst erwiesen.“

Rudi Michel, heute 84 Jahre alt, arbeitete damals als Radioreporter für den Nordwestdeutschen Rundfunk. Die Reise, auf die ihn sein Sender schickte, war eine außergewöhnliche. Ein Länderspiel in Moskau – 1955 war das ein Abenteuer. Noch nie hatte eine deutsche Auswahl in Moskau gespielt. Der von Deutschland begonnene Krieg, der zwanzig Millionen Bürgern der Sowjetunion das Leben gekostet hatte, lag erst zehn Jahre zurück, und in der Sowjetunion sahen Tausende deutscher Kriegsgefangener einem ungewissen Schicksal entgegen.

Der erste Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer, bei dem auch über die Gefangenen gesprochen werden sollte, war erst für September 1955 geplant. Das Länderspiel sollte wenige Wochen vorher gute Stimmung verbreiten. „Bei den Sowjets war der politisch motivierte Plan entstanden, kurz vor der Kanzlerreise ein symbolträchtiges deutsch-russisches Massenereignis stattfinden zu lassen“, schreibt der ehemalige Botschafter Werner Kilian in einem Buch über Adenauers Reise. Im Juni 1955, noch bevor die Einladung an den Bundeskanzler in Bonn eintraf, ging die Einladung beim Deutschen Fußball-Bund ein. Im Auswärtigen Amt war man ob der Brisanz des Spiels zunächst entsetzt. Wenige Tage später – inzwischen war auch die Einladung an Adenauer angekommen – stimmte Bonn dem Spiel aber doch zu.

Der Reise stand nichts mehr im Wege. Herberger rief seine Mannschaft für die Vorbereitung auf das Spiel aus dem Urlaub zusammen. Zwei Tage vor dem Spiel flog die Nationalelf über Vilnius nach Moskau. Rund 1500 west- und ostdeutsche „Schlachtenbummler“, wie man Fans damals noch nannte, machten sich mit dem Zug von Berlin aus auf den Weg. Die Weltmeister von 1954 wurden am Moskauer Flughafen empfangen wie Staatsgäste, und so wohnten sie auch. Die Mannschaft war vom Luxus im Hotel „Sowjetskaja“, in dem auch Adenauer später residierte, tief beeindruckt. Gleiches galt für die Umkleidekabinen im Dynamo-Stadion. In seinem 1955 erschienenen Buch „Spiele, die ich nie vergesse“ erinnerte sich Fritz Walter: „Seit ich Fußball spiele, gleicht eine Umkleidekabine der anderen aufs Haar. Bänke rechts, Bänke links und dazu Kleiderhaken. Und hier? In der Mitte ein riesiger runder Tisch mit Blumenstrauß darauf! Der ganze Raum ausgelegt mit schweren Teppichen! Klubsessel und Couchen überall! Nebenan ein wunderbarer Brauseraum!“

Rudi Michel bekam einen anderen Eindruck von Moskau. Gemeinsam mit seinem Kollegen Herbert Zimmermann, bekannt durch seine legendäre Radioreportage des WM-Endspiels 1954, hatte Michel sich für eine Einzelreise mit dem Flugzeug über Helsinki entschieden. Anders als die mit dem Zug angereisten Fans, die in Moskau rundum betreut wurden, konnten sich die Sportreporter frei bewegen. „Der Russe ist einfach gekleidet, sauber und ehrlich“, notierte sich Rudi Michel damals. „Er ist auf Prunkbauten und Errungenschaften des Staates stolz und glaubt, dass sie auch ihm gehören. Seine eigene einfache, oft armselige Behausung empfindet er nicht als störend. Fremde staunt er an, sie genießen überall Vortritt.“ Außerdem bemerkte er überrascht: „Frauen und Männer verrichten grundsätzlich gleiche Arbeit.“

Diese Eindrücke teilten die Reporter während des Spiels auch ihren Hörern in Deutschland mit. Außerdem konnten sie eine erfreuliche Nachricht vermelden. Der spätere Bundestrainer Helmut Schön, damals Trainer des noch eigenständigen Saarlandes, sei wohlbehalten in Moskau eingetroffen. Schön war fünf Jahre zuvor aus Dresden in den Westen geflüchtet. Nun befürchtete die Öffentlichkeit in der Bundesrepublik das Schlimmste, als er an der Grenze aufgehalten wurde. „In Brest-Litowsk aus dem Zug geholt“, titelte der Tagesspiegel am Tag des Spiels auf Seite eins.

Im Stadion herrschte dagegen eine freundliche Atmosphäre. Die 80 000 Zuschauer im mit einem riesigen Banner von Lenin und Stalin geschmückten Rund jubelten den Deutschen ebenso zu wie ihrer Mannschaft um Torwart Lew Jaschin, die bei drückender Hitze 3:2 gewann. Auf dem Fußballfeld war vom Kalten Krieg nichts zu spüren. Nach dem Spiel warteten Tausende begeisterter russischer Fans vor dem Stadion auf die Deutschen.

Auch Adenauers Reise wenige Wochen später war erfolgreich. Die Bundesrepublik und die Sowjetunion nahmen diplomatische Beziehungen auf, und Ende 1955 kehrten die letzten Kriegsgefangenen in ihre Heimat zurück. Welchen Einfluss das Fußballspiel darauf tatsächlich hatte, ist heute umstritten. Werner Kilian sieht in der sportlichen Begegnung lediglich eine Fußnote. „Sie diente der propagandistischen Umrahmung des Besuchs“, sagt er. „Bei den Politikern wurde sie kaum zur Kenntnis genommen.“

Rudi Michel sieht das anders. Er berichtet von einem ehemaligen General, der in Baden-Baden sein Nachbar war. 1955 habe dieser noch in russischer Kriegsgefangenschaft gesessen. Im Lager hörte er die Übertragung des Spiels im russischen Rundfunk. Er verstand zwar kein Wort, aber als plötzlich in Russland die westdeutsche Nationalhymne ertönte, wusste er: Es bewegt sich etwas.

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