Dirk Nowitzki : „Die anderen haben es auf mich abgesehen“

Basketballstar Dirk Nowitzki über den Reiz seines Sports, seinen Rucksack-Urlaub in Australien und seine zwei größten Ziele

Dirk Nowitzki
Basketballstar Dirk Nowitzki. -Foto: ddp

Herr Nowitzki, am Freitag werden Sie in Hamburg mit der deutschen Nationalmannschaft ein Testspiel gegen China bestreiten. Ihr letztes Spiel liegt mehr als drei Monate zurück. Wann hatten Sie zuletzt eine so lange Pause?

Seit zehn Jahren bestimmt nicht mehr. Im Sommer 2004 nach dem Erstrunden-Aus gegen Sacramento hatte ich einmal ähnlich viel Zeit, habe aber damals sehr schnell wieder mit dem Training begonnen. Dieses Jahr habe ich zwei Monate lang keinen Ball berührt. So kam mir auch die Idee mit der Australien-Reise. Ich wollte weg.

Warum Australien?

Ich wollte Abstand zur Saison gewinnen. Australien war dafür perfekt. Als MVP…

…Sie sind in diesem Jahr in der NBA zum wertvollsten Spieler gewählt worden…

…gibt es nicht viele Orte, wo ich hingehen kann. In Australien wurde ich nur an Touristen-Treffpunkten wie dem Ayers Rock erkannt. Ansonsten hatte ich unter den Backpackern meine Ruhe. Wir waren die meiste Zeit mit einem Geländewagen unterwegs. Mit Rucksack und Zelt, so richtig Old School. Am Abend sitzt du am Feuer, denkst nach oder spielst Gitarre. Ich habe das sehr genossen.

Worüber haben Sie nachgedacht?

Darüber, wie es für mich weiter geht. Mit 29 Jahren stellst du dir Fragen, die du mit 21 noch lächerlich gefunden hast. Du fragst dich, was noch kommt und welche Herausforderungen es noch für dich gibt.

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Ich will meinen Job noch ernsthafter angehen und mein Spiel auf ein konstanteres Level heben. Es war gut, dass ich mit Holger Geschwindner (Freund, Trainer und Mentor Nowitzkis, d. Red.) gereist bin. Er ist für mich so etwas wie der Nutty Professor, der verrückte Professor. An seinem Wissen teilhaben zu können, hat mich auf viele neue Ideen gebracht. Das geht aber nur, wenn du die Zeit dazu hast. In meiner Welt rennst du ja sonst nur von einem Termin zum nächsten.

Nach Australien fährt man ja auch nicht so mal eben…

Für ein, zwei Wochen musst du da nicht hin. Dafür sind die Distanzen zu groß. Aber wenn ich ehrlich bin, hätte ich die freie Zeit lieber nicht gehabt und wäre stattdessen ins NBA-Finale gekommen.

Hat Sie der Alptraum der überraschenden Erstrundenpleite gegen Golden State in Ihrem Urlaub eingeholt?

Man versucht das natürlich zu verdrängen, aber ganz aus dem Kopf bekommst du so was nicht. Deshalb war Australien auch so gut: Da wird überhaupt kein Basketball im Fernsehen gezeigt, nicht mal die NBA-Finals. Trotzdem habe ich versucht zu analysieren und habe mich gefragt: Was wäre gewesen wenn? Viel gebracht hat das aber nicht.

Was bleibt von der vergangenen Saison haften, die Niederlage oder die Auszeichnung zum MVP?

Das wird beides immer zusammenhängen. Wenn ich mich an die MVP-Saison erinnere, werde ich auch an die Niederlage gegen Golden State denken. Aber die Auszeichnung zum wertvollsten Spieler der NBA ist einfach eine Riesenehre. So richtig bewusst wurde mir das erst, als Mark Cuban (Besitzer der Dallas Mavericks, d. Red.) bei der Award-Vergabe Tränen in den Augen hatte. Eigentlich wollte ich auf der Bühne ein paar Witze machen, um mich selber aufzulockern. Aber als ich Marks Tränen sah, ist es mir ganz flau im Magen geworden. So etwas vergisst man nicht.

Auf dem Feld machen Sie einen coolen Eindruck und scheinen die Situation immer genau zu kontrollieren. Wie haben Sie das gelernt?

Das Ziel von Holger Geschwindner und mir war es ja immer, dass ich ein Allroundspieler werde. Einer, der sich in jeder Situation zurecht findet.

Sind Sie im privaten Leben auch so gut organisiert?

Ich interessiere mich nicht sonderlich dafür, was in ein oder zwei Wochen passiert. Ich habe nicht sehr viel Freizeit und wenn doch, plane ich sie selten. Manchmal ärgert es mich dann, dass ich eigentlich noch Gitarre spielen oder eine Klavierstunde nehmen wollte. Aber dazu werde ich hoffentlich noch genug Zeit haben, wenn meine Karriere vorbei ist.

Der trainingsbesessene Sportler ist also privat ein Bauchtyp?

In meinem Sport habe ich einen großen Willen und kann auch sehr emotional werden. Abseits des Feldes würde ich mich eher als gelassen beschreiben.

Passt der Lebensstil eines Leistungssportlers besser zu Ihnen als der Ihres Vaters, der Malermeister war?

Ich habe mein Hobby ja zum Beruf gemacht. Das Privileg hat nicht jeder. Ich weiß, dass ich in einer glücklichen Situation bin. Ich habe auch früher im Betrieb meines Vaters gearbeitet und habe einen Riesenrespekt vor Handwerkern. Was die jeden Tag leisten müssen, ist enorm. Aber ich glaub’ schon, dass ich auch das hinbekommen hätte.

Sie genießen als NBA-Star finanzielle Freiheiten, andererseits sind Sie durch Verpflichtungen in Ihrem Sport auch fremdbestimmt: Ist das ein Widerspruch?

Es ist doch niemand wirklich frei. Neulich war ich in einem Hotel, in dem es bis elf Uhr Frühstück gab. Warum nicht bis zwölf Uhr? Das bestimme nicht ich und muss mich aber trotzdem danach richten. Jeder ist in gewisser Weise fremdbestimmt. Ich fühle mich aber nicht so. Frei bist du doch nur dann, wenn du willst, was du musst. Das Gute ist aber, dass ich weiß: Wenn ich das noch fünf, sechs Jahre auf hohem Niveau leiste, werde ich mir viel Zeit für mich und meine Familie nehmen können. Ohne mir finanzielle Sorgen machen zu müssen.

Bei der Europameisterschaft in Spanien werden von der ersten Minute alle auf Sie schauen; wünschen Sie sich manchmal in die Zeit zurück, als Sie lediglich einer von zwölf Spielern waren?

Schon, aber das macht ja auch den Reiz aus. Wenn ich in die Halle gehe weiß ich: Die anderen haben es auf mich abgesehen. Mich wollen sie ausschalten. Das ist ein besonderer Kick.

Ist dieser Kick wichtig?

Basketball würde mir auch Spaß machen, wenn ich nicht der Star, sondern der zwölfte Mann wäre. Ich habe auch Tage, an denen ich müde bin und nicht in die Gänge komme. Aber wenn der Ball in der Luft ist, die Halle voll und dir dein Gegner quasi in die Unterhose krabbelt – das ist Motivation genug. Wenn du der Star deiner Mannschaft bist, konzentrieren sich die Gegner immer auf dich. Das ist ein Riesengefühl. Alle wollen dich stoppen und du versuchst zu zeigen, wie gut du bist. Ich liebe den Wettbewerb.

Individuell haben Sie alle bedeutenden Titel gewonnen. Ihr Ziel war es aber immer, an den Olympischen Spielen teilzunehmen und einen NBA-Titel zu gewinnen: Haben Sie mit 29 Jahren manchmal das Gefühl, dass Ihnen die Zeit davonläuft?

Bis jetzt noch nicht. Ich denke, dass ich jetzt erst in mein bestes Alter komme und noch ein paar Jahre auf höchstem Niveau spielen kann. Ich glaube, dass ich meine Chance noch bekommen werde.

Bei der EM in Spanien qualifizieren sich nur zwei Teams direkt für Olympia 2008. Wie sehen Sie die deutschen Chancen?

Wenn man sieht, wie hoch das Niveau ist, wird das sehr, sehr hart. Auch wenn wir uns nicht direkt qualifizieren sollten und durch das vorolympische Turnier müssen, wird es nicht leichter.

Sie haben zuletzt als Koautor an Ihrer Biographie mitgeschrieben: Wie haben Sie diese mentale Reise in Ihre Vergangenheit erlebt?

Es war nicht einfach, sich an Sachen zu erinnern, die in der Kindheit oder Jugend passiert sind. Lustig wurde es, wenn ich eine Version erzählt habe, der Holger Geschwindner sich aber anders erinnerte und meine Eltern wieder anders. Teilweise saßen wir dann mit drei verschiedenen Storys da.

Haben Sie bei der Retrospektive wichtige Punkte ausgemacht?

Da waren viele Sachen dabei. Wie ich früher Tennis gespielt habe und mein Vater mich begleitet hat. Oder auch die ersten Versuche im Basketball. Oder als mich 1997 Ross Perot, der damalige Besitzer der Mavericks, Trainer Don Nelson und sein Sohn Donnie Nelson in Würzburg besuchten. Nach dem Spiel wollten wir zusammen bei Holger Geschwindner grillen. Ich hatte damals in meinem Golf II den Sitz mit einer Schiene nach hinten verlängert, so dass der junge Nelson nur hinter dem dicken Don Nelson sitzen konnte. Der Wagen hatte einen Kolbenfresser und auf der Autobahn hat er das „Schreien“ angefangen. Die beiden schauten sich an und dachten wohl: Ob wir diese Reise überhaupt überleben?

Was ist denn Sinn und Zweck Ihres Buches?

Für mich ist das eher eine Zwischenbilanz. Ein Kobe Bryant oder ein LeBron James möchten sich unbedingt als Marke etablieren. Mir war dieser Vermarktungsgedanke nie wichtig. Wenn ich wollte, könnte ich sicherlich viel mehr Sponsoren haben. Mir würde es schon reichen, wenn die Leute sich daran erinnern, dass ich derjenige bin, der die erste NBA-Meisterschaft für Dallas gewonnen hat.

Das Gespräch führte Martin Fünkele.

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