Diskus-Olympiasieger Christoph Harting : „Wie ein kleiner Filmriss“

Christoph Harting versucht, seine bizarre Darbietung nach dem Diskus-Olympiasieg von Rio zu erklären.

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Tanz mit dem Vulkan. In Rio hampelte Christoph Harting während der Nationalhymne herum, dafür wurde der 26-Jährige scharf kritisiert.
Tanz mit dem Vulkan. In Rio hampelte Christoph Harting während der Nationalhymne herum, dafür wurde der 26-Jährige scharf...Foto: dpa/Kappeler

Auch wenn es vielleicht nicht die angenehmste Zeit in seinem Leben war: Es gibt da ein paar Stunden am 13. August dieses Jahres, die hätte Christoph Harting gerne zurück. In Rio hatte der Berliner Diskuswerfer Gold gewonnen, bei der Siegerehrung hampelte er während der Nationalhymne hyperaktiv herum, bei der Pressekonferenz wirkte er überfordert und wirr. Für diesen Auftritt steckte der 26-Jährige viel Kritik ein – erinnern kann er sich daran aber nicht. „Man muss sich das wie einen kleinen Filmriss vorstellen“, berichtet Harting am Donnerstag in Berlin, bei seinem ersten größeren öffentlichen Auftritt nach seinem Olympiasieg. „Es gibt so viel, an das ich mich gerne erinnern wollen würde, aber einfach nicht kann.“ Erst vier Stunden nach seinem Triumph, als er kalt duschte, setzt Hartings Erinnerung wieder ein. „Ich war vollkommen überwältigt, einfach nicht mehr Herr meiner Sinne“, sagt er. „Leider.“

Seit jenem aufwühlenden Tag sind knapp drei Monate vergangen. Christoph Harting hat lange gebraucht, um die Geschehnisse von Rio, die Reaktionen darauf und seinen neuen Status zu verarbeiten. „Der Realisierungsprozess als solcher braucht seine Zeit“, sagt er etwas gestelzt. „Es braucht Zeit, bis man Sachen versteht und sich mit ihnen identifizieren kann.“ Am Donnerstag trat er in der Berliner Arena am Ostbahnhof auf, um für das Istaf Indoor am 10. Februar 2017 zu werben. Das Hallenmeeting soll sein erster Wettkampf seit Olympia werden – und das große Aufeinandertreffen mit seinem sechs Jahre älteren Bruder Robert, seinem Vorgänger als Olympiasieger.

Natürlich wird Christoph Harting auch am Donnerstag nach Robert gefragt, mit dem ihn ein kompliziertes Verhältnis verbindet. In Rio versuchte er noch, sich krampfhaft um einen Kommentar zum übergroßen Bruder, der in der Olympia-Qualifikation mit einem Hexenschuss gescheitert war, herumzuwinden. Nun antwortet er geradliniger, wenn auch nicht aufschlussreicher: „Ich möchte das ganze Thema Privatleben bitte ausklammern.“ Ob es eine gemeinsame Olympia-Auswertung mit Robert gegeben habe, wird er noch gefragt. „Zum Gespräch ist es noch nicht gekommen“, antwortet Christoph Harting. Auch die gemeinsame Trainingsgruppe der Hartings bei Coach Torsten Lönnfors scheint vor dem Aus zu stehen. Auf Nachfrage spricht Christoph Harting von „internen Angelegenheiten, zu denen ich mich nicht äußern möchte“.

Seine mittelfristige Trainingsplanung steht trotzdem fest, in den kommenden zwei, drei Jahren will Christoph Harting den Weltrekord von 74,08 Metern brechen – und sogar noch mehr. „Ich will 80 Meter werfen, das halten wir mal fest“, sagt Harting. Das wäre dann knapp zwölf Meter weiter als bei seinem Olympiasieg, als sein Diskus bei 68,37 Metern landete.

Will sich der in Rio so labil wirkende Sportler etwa selbst therapieren?

Neben dem optimistischen sportlichen Ziel hat sich Harting noch eine weitere Herausforderung gesucht: Seit diesem Semester studiert er an der Freien Universität Psychologie. Will sich der in Rio so labil wirkende Sportler etwa selbst therapieren? „Tatsächlich ist ein großer Aufgabenteil einer Bachelor- oder Masterarbeit die Eigenanalyse“, gibt Harting zu und fügt eine weitere dieser Formulierungen an, die so seltsam bemüht wirken: „Das ist aber nicht der Grund. Vom Interessenspektrum meiner Person gibt es einfach die größten Überschneidungen mit dem Fach Psychologie.“ Nach seiner Karriere kann er sich vorstellen bei seinem Arbeitgeber, der Bundespolizei, Beamte nach aufwühlenden Einsätzen zu betreuen.

Erst einmal muss er aber seine Form wieder aufbauen, nach Olympia war er wochenlang krank, ein Infekt hatte ihn komplett ausgeschaltet. In seinem ersten Trainingsplan fand er dann den Trainingsinhalt „Fünf Minuten Stillstehen zur Musik“ vor, mit dem Lönnfors auf Hartings Hampelei bei der Siegerehrung anspielen wollte. Mittlerweile kann Christoph Harting darüber lachen, der Diskuswerfer scheint langsam doch in seiner neuen Rolle als Olympiasieger anzukommen.

Das olympische Gold bewahrt er im Keller auf, zusammen mit anderen Medaillen, die er in seiner Karriere gewonnen hat. Sein komplettes offizielles Olympia-Outfit versteigert er gerade für einen guten Zweck, inklusive seines Sieger-Trikots. Christoph Hartings Erinnerung an den 13. August wird aber wohl trotzdem immer gespalten sein. Einerseits blickt er gerne auf seinen Triumph als Sportler zurück, andererseits werden ihn die Häme und die Kritik immer begleiten.

Bei der Pressekonferenz in der Arena am Ostbahnhof wird noch einmal sein Goldwurf von Rio gezeigt. Christoph Harting blickt auf die Leinwand, dann schließt er kurz die Augen und lacht still in sich hinein. Er selbst besitzt keine Aufzeichnung von seinem großen Tag: Er hatte zwar zuhause seinen Festplattenrekorder für die kompletten Olympia-Übertragungen programmiert, allerdings überspielte das Gerät aus Speichermangel seinen Triumph.

„Das ist wohl ein Zeichen“, sagt Christoph Harting. „Dann soll ich es mir wohl nicht anschauen.“

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