Diskuswerfen : Ende einer Ära: Franka Dietzsch verpasst das Finale

Zum Ende ihrer Karriere wollte die dreimalige Weltmeisterin es noch einmal allen zeigen. Doch dann schied die deutsche Diskuswerferin Franka Dietzsch ist bei der Leichtathletik-WM bereits in der Qualifikation aus.

Frank Bachner
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Himmel hilf. Die Diskuswerferin Franka Dietzsch sucht zum Abschluss ihrer Karriere noch einmal HilfeDPA

Aus den Boxen im Stadion dröhnten die ersten Takte von „Satisfaction“, dem Stones-Klassiker. Was für ein Zynismus. Es war natürlich reiner Zufall, aber in dieser Sekunde wirkte dieses Lied wie ein höhnischer Gruß an die Frau mit den wilden Locken, die gerade aus dem Diskus-Ring stieg und ihre Arme übereinander kreuzte. Liebes Publikum, hieß diese Geste, es ist vorbei. Und wäre das Lied weiter gespielt worden, dann hätte Mick Jagger gesungen: „I can’t get no satisfaction.“

Franka Dietzsch hatte in diesem Moment auch keine Befriedigung. Aber sie hatte nicht bloß einen Wettkampf verloren, sie hatte gerade ihren letzten großen Auftritt vermasselt. Die Diskus-Weltmeisterin Dietzsch hatte nicht mal die Qualifikation überstanden. Eine große, lange, erfolgreiche Karriere war gerade zu Ende gegangen. 58,44 Metern genügten nicht. Nun steht Nadine Müller (61,63) als einzige Deutsche morgen im Finale. Natürlich spielte sich gestern kein Drama ab, Dietzsch ist 41, sie hätte die Mutter von einigen Gegnerinnen sein können. Aber diese Niederlage hatte große Züge von Wehmut. Franka Dietzsch, die dreimalige Weltmeisterin, hätte einen anderen Abschied verdient gehabt.

Es ist schwer zu sagen, wann Dietzsch wirklich leiden wird, wann sie auch emotional darauf reagiert, dass sie sich so verabschiedet hat. Eine halbe Stunde nach dem Wettkampf wirkte sie noch gefasst „Natürlich bin ich zutiefst enttäuscht“, erklärte sie. Dietzsch hatte versucht, ihre Stärken auszuspielen. Ihre Kraft in den Armen. „Aber dann haben die Beine nicht mehr mitgespielt.“

So hatte sie das nicht erwartet. Franka Dietzsch hatte auf eine Medaille spekuliert. Das hatte sie noch vor zwei Wochen im Bundesleistungszentrum Kienbaum erklärt. Sie ist dreimalige Weltmeisterin, sie hat ihre Ansprüche. „Nur damit ich irgendwie mitwerfe, gehe ich nicht nach Berlin.“ Das hatte natürlich auch autosuggestive Wirkung, sie musste sich ja selber pushen. Aber dass sie ins Finale kommen würde, dazu sollte die Kraft reichen. Zumindest im Training deutete nichts auf so eine Pleite.

Als sie im Bus saß, da hatte sie zwar dieses Pieken in den Augen. Aber das war bloß die Wehmut, weil es doch bald vorbei sein würde mit der Karriere. Außerdem war es ja schnell wieder weg, das Pieken.

Franka Dietzsch hat schon seit Monaten Abschied genommen. Im März war sie in Bulgarien im Trainingslager. Sie geht seit mehr als 20 Jahren ins Trainingscamp Belmeken. Aber diesmal war alles anders. Sie hatte ihre Kamera mitgenommen, damit sie alles noch mal fotografieren konnte. Ihren Bungalow, das Hauptgebäude, sogar die Schneeberge, die in diesem Jahr besonders hoch lagen, dokumentierte sie. In Kienbaum verabschiedete sie sic von den Küchenhelferinnen, von den älteren, die sie kennt, seit sie vor unzähligen Jahren zum ersten Mal dort trainierte.

Aber das war der persönliche Abschied. Gegen den sportlichen Abschied hatte sie sich lange gewehrt. Sie hatte einige mäßige bis schlechte Ergebnisse in diesem Jahr. In Ulm wurde sie nicht mal mehr Deutsche Meisterin. Da saß ihr Trainer Dieter Kollark auf der Tribüne und sagte: „So macht es keinen Sinn.“ Aber unten, neben der Bahn, stand seine Athletin und verkündete fast trotzig: „Natürlich fahre ich nach Berlin, zur WM.“

Franka Dietzsch versuchte immer, sich auch als Frau darzustellen, die genügend Abstand zu sich selbst hat. Die sich nicht bloß über ihre drei WM-Titel definiert und den Sport nicht als permanente Selbstbestätigung braucht. Aber das stimmt nicht ganz. Sie hat auch deshalb so lange geworfen, weil sie damit endlich mal Aufmerksamkeit hatte.

Franka Dietzsch war jahrelang die Frau im Schatten einer anderen, einer vermeintlich Größeren. Als Ilke Wyludda noch Diskus warf, absorbierte sie die ganze Aufmerksamkeit. Irgendwann mal tauchte ein ZDF-Team bei Dietzsch im Trainingslager in Portugal auf. Eine lästige Pflicht für die Fernsehleute, das machten sie ihr sehr schnell und sehr brutal klar. „Ilke Wyludda ist verletzt ausgefallen. Da müssen wir etwas mit ihnen machen.“ Sie sagten wirklich „müssen“.

Nachdem Wyludda verletzt abgetreten war, wurde Franka Dietzsch zum ersten Mal Weltmeisterin. Was sich denn geändert habe, fragten die Journalisten. Da wurden die Augen von Dietzsch schmal. „Soll ich es kurz und knapp formulieren?“, fragte sie. „Jetzt bin ich die Nummer eins.“ Aber nicht lange. Denn ganz schnell verstellten die breiten Schultern von Astrid Kumbernuss den Blick auf Dietzsch. Die beiden wohnen in Neubrandenburg, sie trainierten bei Kollark, aber die Kugelstoß-Olympiasiegerin Kumbernuss war die Frau mit den hoch dotierten Werbeverträgen. Franka Dietzsch war die Frau, die zu einer Gartenschau nach Magdeburg eingeladen wurde. Dort musste sie von Mecklenburg-Vorpommern schwärmen. „Ich arbeite genauso hart wie die anderen, aber die werden mehr beachtet“, rief sie damals wütend.

Diese Zeiten sind vorbei. Franka Dietzsch hat ihre Aufmerksamkeit. Im vergangenen Jahr unterschrieb die gelernte Bankkauffrau einen gut dotierten Zeit-Vertrag mit einer Bank. Aber ein Job als Bankfachfrau, das ist eher nicht das Ziel von Dietzsch. Die Arbeit mit Talenten, sagte sie, mag sie lieber. Nur eines schließt sie aus. „Trainer von Spitzensportlern werde ich ganz bestimmt nicht. Diesen Stress tue ich mir nicht an.“

Stress hatte sie genug in ihrem sportlichen Leben. Zuletzt gestern.

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