Diskuswerfen : Sensibler Muskelprotz

Deutschlands bester Diskuswerfer Robert Harting hat seine Gegner beschimpft – jetzt empfindet er Mitleid mit ihnen.

Frank Bachner

Robert Harting hat das Buch noch nicht gelesen, er hat bloß Auszüge gehört, aber die haben ihm gefallen. Lars Riedel schreibt über seine Schmerzen, seine Niederlagen, seine traurigen Momente, das sind die Punkte, die Harting fast aufsaugt. Er kennt den Diskuswerfer Riedel nur als unnahbaren Menschen, erfüllt vom Gefühl eigener Größe. Seine fünf WM-Titel trug Riedel immer wie eine unsichtbare Monstranz vor sich her, so wirkte er auf Harting. Aber am Mittwoch ist Riedel zurückgetreten – als 41 Jahre alter, von Schmerzen geplagter Mann, dessen Größe nur noch auf dem Buchumschlag seiner Autobiografie zu sehen ist. Riedel, nackt und bronzefarben eingeschmiert, als antiker Diskuswerfer. „Ich finde es gut, dass Lars jetzt etwas zugänglicher wirkt“, sagt Harting. „Früher war er nicht so.“

Jetzt ist Harting fast allein auf der großen Bühne. Gut, Michael Möllenbeck wirft noch, aber Möllenbeck ist 38, er hat nicht mehr das Niveau des Vize-Weltmeisters Harting. Und Riedel hatte zwar kaum Wettkämpfe in den letzten zwei Jahren, aber er war doch noch immer präsent, als Mythos. Doch jetzt ist Harting, der 23 Jahre alte 2,08-Meter-Hüne vom SC Charlottenburg, die einzige bewusst wahrgenommene Größe im deutschen Diskuswerfen. Er plagt sich mit einer Entzündung am Fuß, er kann derzeit keine schnellen Bewegungen trainieren, aber in Nürnberg, bei den deutschen Meisterschaften, holte er sich mit 66,26 Metern vor dem Wattenscheider Michael Möllenbeck trotzdem den Titel.

Damit rückt er auch als Person immer mehr in den Mittelpunkt. Und diese Person Harting besteht aus mehreren Bildern. Ein Bild ist der frühere Disco-Schläger, der auf seiner Homepage mit seinen Muskeln protzt und den harten Mann markiert. Einer, der seine Haarfarbe rotzig als „straßenköterblond“ bezeichnet. Ein Alphatier mit Diskus, der Gegner als Alkoholiker oder Modeltypen beschimpft. Aber da ist auch der sensible Harting, der malt, der Spaß an Design hat und der tief getroffen reagiert, wenn ihm einer sagt, er könne nicht malen. Sein letztes Bild war abstrakte Malerei. „Viel Schwarz, viel Traurigkeit. Da ist viel Schmerz eingeflossen.“

Diese Zweigleisigkeit hat Harting seit seiner Jugend verfolgt. Er ist in Cottbus aufgewachsen, „im Aussiedlerghetto“, sagt er. Der Vater, zwei Meter groß, 140 Kilogramm schwer, ruinierte sich als Offsetdrucker beim Bewegen von schweren Papierrollen den Rücken, die Mutter war Krankenschwester. Es war nie viel Geld im Haus, der kleine Robert hatte immer die Freunde und Mitschüler aus besserem Haus vor Augen. Als Fünftklässler besuchte er mal einen Schulfreund und klaute dessen Sparbüchse. Das Geld steckte er nicht selber ein, das schob er heimlich in ein Sparschwein seiner Eltern. Das war er, der mitfühlende, der sensible Junge. „Die sollten auch mal etwas haben.“ Der Diebstahl kam schnell heraus, aber wie er herauskam, das verbitterte den kleinen Robert am allermeisten. Die Mutter des Freundes hatte bemerkt, dass das Sparschwein verschwunden war. „Die räumte ihrem Sohn ja jeden Tag das Zimmer auf“, sagt Harting. „Sie hat es sofort mitbekommen.“ Der Freund wurde verhätschelt, er durfte sich als etwas Besseres fühlen, diese Botschaft nahm Harting mit. Er musste sein Zimmer selber aufräumen. So schnell wie möglich zog Harting zu Hause aus. „Ich wollte meinen Eltern nicht auf der Tasche liegen.“

Da entwickelte er sich schon zu einem leistungsstarken Diskuswerfer. Als 18-Jähriger schleuderte er die Scheibe schon 64,05 Meter weit. Und gleichzeitig entwickelte sich Harting zu einem aufgeblasenen Egoisten. In einem Trainingslager kamen mal junge Werfer auf ihn zu und fragten, ob sie den Ring, in dem er die Scheibe schleuderte, auch mal benützen dürfen. Da fauchte er sie bloß an: „Wartet gefälligst, bis ich fertig bin.“ Sein ganzer Alltag sah so aus, sagt er. Er fühlte sich als groß, als mächtig, als etwas Besonderes. „Damals habe ich viel Blödsinn gemacht, heute kann ich darüber nur den Kopf schütteln“, sagt er.

Wie sehr sich Harting geändert hat, ist schwer zu sagen. Die Beschimpfung seiner Kollegen ist ja erst sechs Wochen her. Aber er hat sich in einer Mail an Möllenbeck persönlich entschuldigt. Auch Diskussionen mit seinem Trainer Werner Goldmann können leicht heftig werden. Goldmann hatte er als 19-Jähriger verlassen, weil ihm die Szenegrößen gesagt hatten, der Coach sei fachlich nicht gut genug. Nach frustrierenden Trainingsjahren mit Jürgen Schult kehrte Harting wieder zu Goldmann zurück. „Jetzt bin ich dort, wo ich hingehöre“, sagte er damals.

Das Problem des Robert Harting ist es, dass sein Leben jetzt als Vize-Weltmeister, als Medaillenkandidat in Peking, als einzige Topgröße des deutschen Diskuswerfens, mehr ausgeleuchtet wird als früher. Und dass jede Äußerung jetzt mehr auffällt als früher. Seine Gagen haben sich seit dem WM-Silber fast „verzehnfacht“, aber auch das Interesse an ihm hat zugenommen. Mit Ralf Grengel hat er jetzt einen erfahrenen Manager. Grengel betreut auch die Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein. Aber einen Sponsorenvertrag hat er noch nicht vermittelt. Doch Harting kann warten. Die Zeiten, in denen er hektisch auf die großen Gaben wartete, die hat er hinter sich. Als er jünger war und auf dem Weg zur großen Nummer, da haben ihm irgendwelche Leute Sponsorenverträge und ein Auto versprochen. Gehalten haben sie nichts. „Wenn man da immer wieder einen Tritt in den Hintern bekommt, lernt man“, sagt Harting. „Ich stehe jetzt über den Dingen.“ Selbst ein Lars Riedel hatte Probleme, lukrative Sponsoren zu gewinnen.

Harting hätte diesen Punkt jetzt mit einiger Häme registrieren können. Aber er spürt keinen Drang zur Häme mehr bei dem alten Rivalen. Er spürt mehr ein Gefühl von Fürsorge. „In 20 Jahren“, sagt Harting und es klingt ehrlich mitfühlend, „da ärgert sich Lars doch, dass er nicht fünf Jahre früher aufgehört hat. Ein Diskuswerfer, der so lange im Hochleistungssport ist, der kann doch nach Karriereende nicht mehr normal gehen.“

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