• Diskuswerferin Julia Fischer: „Dass Justin Gatlin hier rumläuft, ist eine Farce“

Diskuswerferin Julia Fischer : „Dass Justin Gatlin hier rumläuft, ist eine Farce“

Die Diskuswerferin Julia Fischer spricht über ihre gemeinsame Kritik mit ihrem Freund Robert Harting am Weltverband und die Doping-Problematik bei der WM.

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Julia Fischer, 25, wurde in diesem Jahr Deutsche Meisterin im Diskuswerfen. Die Freundin von Robert Harting erreichte in Peking mit 63,38 Meter im ersten Versuch das WM-Finale am Dienstag.
Julia Fischer, 25, wurde in diesem Jahr Deutsche Meisterin im Diskuswerfen. Die Freundin von Robert Harting erreichte in Peking...Foto: Reuters

Frau Fischer, kurz vor der WM haben Sie heftige Kritik am Leichtathletik-Weltverband geäußert und ein Video veröffentlicht, in dem Sie, Ihr Freund Robert Harting und andere Athleten die IAAF angreifen. Jetzt sind Sie bei der Weltmeisterschaft am Start – was sind Ihre Eindrücke hier in Peking?

Die Wahlen im Weltverband vor dem WM-Start haben ja deutlich gezeigt, wie die Welt auf die Kritik aus Deutschland reagiert. Nicht nur auf unser Video, sondern auch auf die Doping-Enthüllungen der ARD. Es war sehr interessant, dass natürlich wieder ein Russe ins Council der IAAF gewählt wird – und erstmals seit 20 Jahren kein Deutscher. Das ist ein deutliches Zeichen. Selbst Helmut Digel und Clemens Prokop haben sich darüber geäußert, dass da viel gemauschelt wurde. Und genau das ist der Grund, warum so ein Video gebraucht wird. Und warum sich Athleten auch gegen ihren Weltverband stellen müssen. So etwas geht einfach gar nicht.

In Peking wohnen Sie mit Athleten aus aller Welt in einem Hotel. Haben Sie von anderen Sportlern Reaktionen auf ihr Video bekommen?

Aus dem deutschen Team haben mich viele angesprochen, sind Feuer und Flamme und kommen mit den besten Ideen um die Ecke. Wenn ich meinen Wettkampf beendet habe, werden wir uns sicherlich noch mal zu Wort melden.

Auch im Stadion?

Das Problem ist: Wir wollen uns an die Regeln der IAAF halten – wenn sie es schon selbst nicht tut. Wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen.

Mit welchem Gefühl haben Sie das Finale über 100 Meter mit dem Duell zwischen Usain Bolt und dem ehemaligen Doper Justin Gatlin angeschaut?

Mit gar keinem. Was soll man da großartig fühlen? Das ist nichts, was mich besonders erhebt. Aber weil ich gerne Leichtathletik sehe, schaue ich es mir an.

In dem Anti-IAAF-Video sagen Sie in Richtung des Weltverbands: „Ihr habt meine Kindheitsträume zerstört.“ Jetzt stehen Sie im WM-Finale – auch ein wahr gewordener Kindheitstraum –, allerdings bei einer Veranstaltung, die Sie nicht hundertprozentig gutheißen. Ist das ein zwiespältiges Gefühl?

Nein, ist es nicht. Es sind die sauberen Athleten, um die es bei einer WM geht. Das sind die Einzigen, die noch Kindheitstraum-mäßige Momente erzeugen können für mich. Solange es die noch gibt, ist es schön, an so einem Höhepunkt teilzunehmen.

Ihr Freund Robert Harting hat gerade den Vorschlag gemacht, ehemalige Dopingsünder nur noch mit speziell gekennzeichneten Startnummern antreten zu lassen. Halten Sie das für sinnvoll?

Ich weiß nicht, ob man die so plakativ an die Wand stellen muss. Auch wenn man im Gefängnis gesessen hat, hat man ja irgendwann seine Strafe verbüßt. Es muss eine Chance geben zurückzukommen. Generell müssen die Strafen aber einfach verschärft werden – das ist das Problem. Im Fall von Justin Gatlin ist es natürlich eine Farce, dass der hier noch mit uns rumläuft und zu Wettkämpfen reist.

Wie zufrieden sind Sie mit sich selbst? Die Qualifikationsweite für das Finale haben Sie gleich im ersten Wurf bewältigt.

Ich war am Sonntagabend sehr aufgeregt, das hat sich vor dem Wettkampf durch das Aufstehen um 5.40 Uhr aber gelegt. Ich hatte mich in der WM-Vorbereitung beim Krafttraining ein bisschen verletzt, jetzt ist eine Rippe ein bisschen komisch. Und das ist leider genau der Punkt, an dem man sich beim Diskuswerfen drehen muss. Aber die Ärzte und Physios haben das super behandelt, und es hat alles gehalten.

Was haben Sie sich für das Finale am Dienstag (13 Uhr) vorgenommen?

Ich freue mich einfach darauf. Das ist die erste WM oder EM, vor der ich keine Angst habe. Weil ich weiß, dass ich etwas draufhabe.

Auch die anderen beiden deutschen Diskuswerferinnen, Shanice Craft und Nadine Müller, haben das Finale erreicht. Können Sie dort als Team zusammenarbeiten?

Für mich ist es immer schön mit den Mädels, weil man dann ein bisschen lockerer ist und jemanden zum Quatschen hat.

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