Sport : DLV kämpft weiter seinen einsamen Kampf, aber spielt die IAAF diesmal mit?

Robert Hartmann

Eines ist seit vergangenem Wochenende höchst wahrscheinlich: Dass Sigrun Grau, vorher Wodars, am 4. Dezember ihr deutscher 800-m-Rekord von 1:55,32 Minuten nach zwölf Jahren aberkannt wird. Dann tagt nämlich als beschlussfassendes Gremium der Verbandsrat des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) in Waldsassen, und sein Präsidium unter Präsident Helmut Digel wird ihm dort eine bahnbrechende Bitte vortragen: nämlich alle aktuellen nationalen Rekorde wieder von der Ehrentafel zu streichen, die nachweislich gedopt erzielt wurden.

Das Verbandsrecht weist hier eine entscheidende Lücke auf. "Untragbar" sei für das DLV-Präsidium, dass es bislang keine Handhabe für die Aberkennung von Rekorden besitze, "bei denen ein nationales Gericht oder der DLV-Rechtsausschuss rechtskräftig einen Dopingverstoß im unmittelbaren Vorfeld der Rekorderzielung oder die Einbindung in ein Dopingsystem zum Zeitpunkt der Rekorderzielung festgestellt hat. Eine solche rechtskräftige Feststellung soll daher künftig einem Geständnis gleichgestellt werden." Dieser schwer verdauliche Satz steht in einer Pressemitteilung, die nach der Präsidiumssitzung in Leverkusen herausgegeben wurde. "Es kommt hier auf jedes Wort an", sagt Digel, der den Text mit dem Vorsitzenden des Bundesausschusses Leistungssport, dem Juristen Rüdiger Nickel, zu gewichten hatte. "Wir würden uns unglaubwürdig machen", sagt DLV-Vizepräsident Theo Rous, "wenn wir sagen würden, Aberkennung bei einem Geständnis ja, aber bei einem vorliegenden Gerichtsurteil nein. Das können wir nicht ertragen."

Der Handlungsbedarf hatte sich aus der Verurteilung des geständigen Dietrich Hannemann vor dem Amtsgericht Tiergarten in Berlin ergeben. In der schriftlichen Begründung werden die Namen von 62 Leichtathletinnen und 47 Schwimmerinnen genannt, für deren Doping der frühere Leiter des Sportmedizinischen Dienstes der DDR mit seiner Person verantwortlich zeichnete. Sigrun Wodars, steht da, sei zwischen 1983 und 1989 in das zentrale staatliche Dopingprogramm eingebunden gewesen, und während dieser Zeit wurde sie Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin. Sie stellte auch jene Höchstleistung auf, die nach der deutschen Einheit auf das neue, größere Verbandsgebiet ausgedehnt wurde. Das Gleiche gilt für ihre damalige Neubrandenburger Klubkameradin Christine Wachtel, die im Freien stets Zweite wurde, in der Halle jedoch drei globale Titel holte und mit 1:56,40 Minuten sogar bis heute als Weltrekorlderin verzeichnet ist.

"Unser Beschluss", sagt Digel, "wird nicht nur auf Zustimmung stoßen." Dabei denkt er auch an den Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF). Sein Vorstoß war erst im August im Vorfeld der Weltmeisterschaften in Sevilla abgeschmettert worden, nämlich sämtliche Weltrekorde "einzufrieren", eben auch vor dem Hintergrund, dass besonders die der Frauen geradezu dopingverseucht sind. Im 800-m-Lauf, ein Beispiel, dürfte unter den besten dreißig Leistungen aller Zeiten kaum eine ohne betrügerische Leistungsmanipulation zustande gekommen sein. Ein Neubeginn bei Null mit dem Jahr 2000 hätte viele Probleme gelöst.

Ob die IAAF-Führung nach ihrer kühlen Reaktion dem DLV jetzt in der Angelegenheit bei gerichtsfesten Beweisen folgen wird, darüber kann spekuliert werden. Immerhin sind einige deutsche Rekorde gleichzeitig Weltrekorde. Man denke an Christine Wachtels 1000-m-Zeit. Im DLV-Präsidium ist man sich darüber im Klaren, dass es bald tatsächlich "divergierende nationale und internationale Rekordlisten" geben könne. Also: Wachtel behielte den Weltrekord, verlöre aber den nationalen Rekord.

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