Sport : Doktorand auf dem Eis

Eisbären-Torwart Oliver Jonas hat nur ein Problem – zu wenig Zeit für die Universität

Claus Vetter

Berlin. Der Kotrainer der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft war ratlos. Da fragte ihn sein Chef nach Schwachpunkten beim Torhüter der gegnerischen Mannschaft, und Peter John Lee hatte keine befriedigende Antwort parat: „Der Torwart? Der hat keine Schwächen.“ Nun gut, die Szene wird sich am Sonnabend vor dem Länderspiel zwischen der Schweiz und Deutschland in Basel vermutlich nicht exakt so zugetragen haben. Zumindest schildert Lee sie mit einem Schmunzeln. Dabei war die Frage von Ralph Krüger, dem Schweizer Auswahltrainer, verständlich. Der deutsche Torwart hieß Oliver Jonas, kommt vom EHC Eisbären, dem Arbeitgeber von Lee, der nebenbei auch die Schweizer Auswahl betreut.

In seinem Zweitjob hatte Lee am Sonnabend keine Freude, in seiner Profession als Eisbären-Manager dagegen schon. Jonas kassierte kein Tor, Deutschland gewann mit 3:0. Der 23-jährige Jonas bekam von Bundestrainer Hans Zach trotzdem kein Lob zu hören. „Ich glaube, er war mit mir zufrieden“, sagt Jonas. „Er sagt nie viel zu seinen Torhütern.“

Zach ist eben kein Freund von Superlativen. Der Aufstieg von Jonas ist dem Bundestrainer natürlich nicht verborgen geblieben. In der Vorsaison ist Jonas, der zuvor vier Jahre in der Universitätsmannschaft von Harvard spielte, nach Berlin gekommen – als Ersatztorhüter hinter dem Kanadier Richard Shulmistra. In der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) dürfen sich junge deutsche Torhüter eben eher selten profilieren. Jonas erging es zunächst nicht anders als seinen Kollegen in der Liga. Der Neffe des ehemaligen Nationaltorhüters Helmut de Raaf kam vergangene Saison nur zehn Mal zum Einsatz. Eine Chance bot sich ihm erst in dieser Spielzeit, als Shulmistra verletzt war. Jonas nutzte sie, debütierte zwei Monate nach Saisonstart sogar im Nationalteam. Längst ist auch Eisbären-Trainer Pierre Pagé von ihm überzeugt. Jonas steht heute beim ersten Spiel nach der Länderspielpause gegen die Düsseldorfer EG (19 Uhr 30, Sportforum) im Berliner Tor. „Das ist bitter für Shulmistra“, sagt Pagé. „Aber Oliver hat mehr Praxis, war gegen die Schweiz zu gut.“ Zehn Spiele trennen die Berliner, die vorerst ohne Ricard Persson (Rippenverletzung) auskommen müssen, noch von den Play-offs. Bis dahin will sich Pagé für einen Torhüter entschieden haben.

Die Chancen von Jonas sind wohl nicht so schlecht bei den Eisbären – auch nicht im Nationalteam. Die Weltmeisterschaft in Finnland im April ist sein nächstes Ziel. „Ich mache mir schon Hoffnung“, sagt Jonas. Warum auch nicht? Schließlich hat der Absolvent der Universität von Harvard noch alle seine beruflichen Wünsche verwirklichen können – wenn auch ein Projekt derzeit weniger dynamisch als seine Vorstellungen auf dem Eis läuft: die Doktorarbeit im Fach Physik. „Mein Tempo hat leider etwas gelitten, drei Jahre brauche ich doch noch“, sagt er. „Aber das verwundert mich nicht.“

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