Sport : Dominante Eleganz

Weltrekordler Asafa Powell ist kein Kraftprotz wie so viele andere Sprinter– in Berlin soll er eine Zeit unter zehn Sekunden laufen

Frank bachner

Berlin - 48 Stunden, sagt Gerhard Janetzky, habe Paul Doyle gewartet. Zeit genug, noch ein paar wichtige Dinge zu klären. Zum Beispiel die neue Gage für Doyles Klienten Asafa Powell beim Istaf in Berlin. Gerhard Janetzky, der Istaf-Meeting-Direktor, hatte erst einmal umdisponieren müssen im Zusammenhang mit der Verpflichtung eines Sprintstars für die 100 Meter für das Istaf. Ende Juli war schließlich Justin Gatlin als Dopingsünder aufgeflogen. Ein Schock für die Leichtathletik-Szene. Einer der beiden 100-Meter-Weltrekordler positiv getestet, der Olympiasieger, der Weltmeister. Gatlin hatte einen Marktwert von rund 80 000 Dollar, diese Summe konnte er bei einem Meeting verlangen. Er ist Olympiasieger und Weltmeister, er war der Mann nach Maurice Greene, ihm fiel im Sprint eine entscheidende Rolle zu. Deshalb, sagt Janetzky, lag sein Marktwert auch um rund 40 Prozent höher als der des zweiten 100-Meter-Weltrekordlers. Der Zweite war Asafa Powell.

Jetzt ist der Jamaikaner Powell der einzige offizielle Weltrekordler, Justin Gatlins Bestmarke wurde gestrichen. Der 23-jährige Powell ist nun der große Star im Sprint. Janetzky musste finanziell nachlegen. Er nennt keine konkreten Zahlen, aber nach Tagesspiegel-Informationen kassiert Powell für den Start beim Istaf rund 70 000 Dollar. „Er hat immer noch nicht Gatlins Marktwert erreicht“, sagt Janetzky.

Eigentlich seltsam, Powell ist immerhin schon dreimal 9,77 Sekunden gerannt, er hat damit seinen Weltrekord zweimal egalisiert. Das gab es noch nie. Aber er hat noch keinen großen Titel, das ist der entscheidende Punkt. Und er ist keiner dieser großen Selbstdarsteller, die sich auf der Laufbahn inszenieren. Maurice Greene, der Olympiasieger von 2000, war so ein Typ. Gatlin tendierte auch in diese Richtung. Powell ist selbstverständlich ein Siegertyp, aber er redet oft leise, er spielt weniger mit dem Publikum als die anderen, die US-Sprinter zum Beispiel. Er ist auch keiner der Krafttypen, die so gerne spielerisch ihre Muskeln zeigen. Powell ist ein eleganter Läufer.

Janetzky hat ihn in Zürich beobachtet, am Rande des Golden-League-Meetings. In Zürich, vor rund zwei Wochen, ist Powell zum dritten Mal 9,77 Sekunden gesprintet, die nächste Demonstration der Stärke. Der Istaf-Chef beobachtete ihn beim Frühstück im Hotel. „Die Amerikaner kommen oft so machomäßig in den Raum“, sagt Janetzky. „Aber Powell macht das anders. Er ist kein typischer Macho, er kommt nur sehr selbstbewusst rüber. Das ist ein feiner Unterschied.“

Und wenig deutet daraufhin, dass sich Powell von den Dopinggerüchten, die auch ihn umwehen, beeindrucken lässt. Powell, der Weltrekordler, geht sogar in die Offensive. In Zürich erklärte er Journalisten, 60 Prozent aller Leichtathleten seien gedopt. „Und wüsste ich nicht, dass man auch sauber schnell laufen kann, würde ich sogar neunzig Prozent sagen“, hatte er den staunenden Reportern auch noch mitgeteilt. Das sind mutige Sätze für einen, der die gleiche Bestzeit hat wie der Dopingsünder Gatlin. Zudem gilt Jamaika unter Doping-Experten als Hochburg des schwunghaften Handels mit verbotenen Substanzen.

Aber in einem kleinen Kreis, erzählt Janetzky, der damals zuhörte, habe Powell auch noch gesagt: „Ich bin religiös, ich kann deshalb gar nicht dopen.“ Mutter Cislin ist Pfarrerin, Vater William auch, die Familie steht jeden Tag um fünf Uhr auf und beginnt den Tag mit einem Gebet. Powell studiert und trainiert in Kingston, er schaut oft zu Hause in Linstead vorbei. Besonders originell ist seine Begründung allerdings nicht. Gatlin hatte nach schnellen Rennen auch schon öffentlich gebetet. Religion und Doping, dass muss sich nicht ausschließen.

Und er wird nicht unverdächtiger durch seine Ankündigungen. Powell will seinen eigenen Weltrekord noch verbessern. In Berlin wird er das kaum schaffen, es ist wohl einfach zu kalt für einen Rekordlauf. „Eine Zeit unter zehn Sekunden würden wir gerne von ihm sehen“, sagt Janetzky. Der Jamaikaner will ja noch den zweiten Teil des Jackpots gewinnen. Fünf Rennen in der Golden-League-Serie hat er schon für sich entschieden, damit hat er einen Anteil an 500 000 Dollar Prämie. Wenn er auch in Berlin gewinnt, greift er nach den nächsten 500000 Dollar. Ob, und wenn ja mit wem, er die teilen muss, wird sich dann zeigen.

Auf jeden Fall will er vor seinem Start keinen Stress. Interviews vor seinem Auftritt lehnt er ab, nur einen Fototermin wird er absolvieren. Da muss er nichts sagen. In Jamaika, da geht er dann wieder aus sich heraus. Der schnellste Mann der Welt ist ein begeisterter Trommler und Gitarrenspieler.

0 Kommentare

Neuester Kommentar