Sport : Dominante Nachbarn

Die Vierschanzentournee steht im Zeichen des Duells zwischen den sieggewohnten Österreichern und den wieder erstarkten deutschen Springern, die auf den ersten Sieg seit zehn Jahren hoffen.

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Ruhe am Tisch. Severin Freund, hier beim Weltcup-Springen auf der Schanze in Engelberg, ist die größte deutsche Hoffnung für die Vierschanzentournee. Foto: AFP
Ruhe am Tisch. Severin Freund, hier beim Weltcup-Springen auf der Schanze in Engelberg, ist die größte deutsche Hoffnung für die...Foto: AFP

Neulich hatten die sonst so sieggewohnten österreichischen Skispringer gegen ihre deutschen Kollegen keine Chance. „Heute haben uns die Deutschen richtig weggefegt“, stellte der Österreicher Andreas Kofler fest, „das war ja beinahe ein Ergebnis wie im Fußball.“ Vor zehn Tagen in Engelberg hat diese Demütigung stattgefunden, allerdings nicht oben auf der Schanzenanlage, sondern unten in der Eishalle. Bei Dreharbeiten für einen Fernsehsender demonstrierte das deutsche Skisprung-Team, wie man die Besen richtig bedient. Ab Sonntag freilich wollen die deutschen Skispringer ihre Nachbarn nicht nur im Curling besiegen.

Die traditionelle Vierschanzentournee, die am Wochenende in Oberstdorf (Samstag Qualifikation ab 16 Uhr, Sonntag erster Wertungsdurchgang ab 16 Uhr) beginnt, steht in dieser Saison im Zeichen des Duells Deutschland gegen Österreich. Beide Nationen haben alle Siege in den bisher sieben Weltcupspringen unter sich aufgeteilt. Die Österreicher gewannen fünfmal (Gregor Schlierenzauer dreimal, Andreas Kofler zweimal), die deutschen Springer mit Severin Freund zweimal. Die aktuelle Weltcupgesamtwertung unterstreicht ebenfalls die Dominanz der beiden Länder. Unter den besten acht Springern befinden sich vier Österreicher und drei Deutsche. „Es wird eine lässige Tournee“, sagt der österreichische Vorjahressieger Gregor Schlierenzauer, „auch weil die Deutschen wieder so stark sind.“

Es ist allerdings fraglich, ob das deutsche Team bereits so stark ist, auch um den Tourneesieg mitzuspringen. Bundestrainer Werner Schuster weiß um die Jugendlichkeit und Unerfahrenheit seiner Athleten und gibt noch nicht das Maximalziel aus. „Wir möchten gerade die Springen vor heimischer Kulisse nutzen, um einen Podestplatz oder Tagessieg zu feiern“, sagt der deutsche Cheftrainer mit dem österreichischen Pass.

Ein Tagessieg bei der Vierschanzentournee wäre bereits der größte Erfolg für einen deutschen Skispringer seit zehn Jahren. Sven Hannawald hatte im Jahr nach seinem Tourneesieg mit dem Vierfachtriumph 2001/02 in der folgenden Saison auch das Auftaktspringen von Oberstdorf gewonnen. Seitdem aber warten deutsche Springer vergeblich auf einen Nachfolger Hannawalds. Ganz anders die Österreicher.

Seit vier Jahren teilen die Springer aus dem Land der Berge nicht nur die Tourneegesamtsiege unter sich auf: Wolfgang Loitzl 08/09, Andreas Kofler 09/10, Thomas Morgenstern 10/11, Gregor Schlierenzauer 11/12. Auch von den 16 Tagessiegen der vergangenen vier Jahre gingen 13 an Österreich. Die Dominanz der Springer von Cheftrainer Alexander Pointner, die seit 2005 auch alle Teamwettbewerbe bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen gewonnen haben, hatte bei der vergangenen Vierschanzentournee sogar noch zugenommen. Am Ende belegten die rot-weiß-roten Athleten in der Gesamtwertung die Plätze eins, zwei und drei. „Wir haben als Team und mit den Einzelspringern schon alles gewonnen, wir können frei reingehen“, sagt Pointner.

Nicht nur ihm kommt das Wiedererstarken des deutschen Teams gelegen. „So einen Hype hat es seit der Erfolgsära von Martin Schmitt und Sven Hannawald nicht mehr gegeben“, sagt Stefan Huber, der Geschäftsführer der Vierschanzentournee. Der Kartenverkauf für die Tournee lief bislang sehr gut. Für das deutsche Team besteht freilich auch die Gefahr, dass die Erwartungen im Umfeld zu groß werden. Bundestrainer Werner Schuster kennt das. „Schon letztes Jahr ist die Maschinerie angesprungen, nachdem Richard Freitag in Harrachov gewonnen hat“, erinnert sich der Bundestrainer, Richard Freitag konnte mit dem gestiegenen Druck aber nicht umgehen und sprang bei der Vierschanzentournee nur hinterher.

Diesmal nimmt mit dem erst 17 Jahre alten Weltcupvierten Andreas Wellinger erneut ein deutscher Springer zum ersten Mal an der körperlich und mental kräftezehrenden Vierschanzentournee teil. Auch deshalb sagt Bundestrainer Werner Schuster: „Man darf jetzt nicht glauben, dass wir alles in Grund und Boden springen.“ Aber ein bisschen mehr hoffen als in den Jahren zuvor, das dürfen die deutschen Skisprungfreunde auch.

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