Doping auch im Westen : Mit der Kraft des Verbotenen

Früher wurde es der DDR vorgeworfen, nun stellt sich heraus: Auch im Westen wurde systematisch gedopt. Um welche Dimension geht es?

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Über das Doping in der DDR ist schon so viel bekannt, dass daraus ein geflügeltes Wort entstanden ist: die Deutsche Doping-Republik. In aufsehenerregenden Gerichtsprozessen wurden nach der Wiedervereinigung nicht nur Trainer und Ärzte, sondern selbst der oberste DDR- Sportfunktionär Manfred Ewald wegen Körperverletzung Minderjähriger verurteilt. Die Aufarbeitung des westdeutschen Dopings fand dagegen abgesehen von einigen privaten Initiativen nicht statt. Nun haben Forschergruppen der Humboldt-Universität und der Universität Münster ihre Ergebnisse zum Doping in der alten Bundesrepublik veröffentlicht.

Wie ist systematisches Doping in Westdeutschland in der Studie belegt?

Mit Zeitzeugenberichten, Protokollen und anderen Dokumenten zeichnen die Forscher sowohl eine dopingfreundliche Mentalität innerhalb mancher Sportverbände wie des Deutschen Leichtathletik-Verbands wie auch Fälle von Dopingforschung nach. Dabei ging es schon seit den 60er Jahren um anabole Steroide. In der Forschung tat sich vor allem die Freiburger Sportmedizin um Professor Joseph Keul hervor. Gemeinsam mit Kollegen schrieb Keul: „Ein Verbot von anabolen Hormonen mit dem Hinweis auf eine Schädigung, die nicht bewiesen ist, lässt die ärztliche Beratung bzw. den Arzt selbst fragwürdig erscheinen und ist daher nicht empfehlenswert.“ Keul war auch Arzt der deutschen Olympiamannschaft und des Davis-Cup-Teams im Tennis. Die Forscher äußern auch den Verdacht, dass die Wirkung von Anabolika auch an Minderjährigen untersucht worden sein könnte. Einzelheiten sind dazu allerdings nicht bekannt.

Gibt es darunter herausragende

oder prominente Doping-Einzelfälle?

Namen kommen wenige vor in der Studie, und wenn, dann sind es meistens die der Sportfunktionäre und Sportmediziner, die Doping tolerierten oder unterstützten wie eben von Joseph Keul. Einzelfälle herauszuarbeiten war jedoch auch nicht der Anspruch der Studie. Als Opfer der westdeutschen Dopingpraxis könnte der Ruderer Peter-Michael Kolbe gelten, der wie einige andere Athleten bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal eine dubiose Vitaminspritze verabreicht bekam und im Rennen erschöpft einbrach. Daher bekam diese Methode auch den Namen „Kolbe-Spritze“. Sie sei beispielhaft, schreiben die Forscher: „Der Vorgang illustriert die damalige Mentalität der Funktionäre im westdeutschen Leistungssport, Methoden und Substanzen einzusetzen in der Hoffnung, die eigenen Sportler schneller oder kräftiger zu machen – ohne allerdings fachlich seriös einschätzen zu können, welche Wirkung und Nebenwirkungen diese Methoden oder Substanzen haben könnten.“

Es besteht auch der Verdacht, dass an der Sporthochschule Köln positive Kontrollen von prominenten westdeutschen Athleten unter den Tisch fielen. Belege für einen Generalverdacht gegen westdeutschen Sportler der damaligen Zeit liefert die aktuelle Studie nicht, auch nicht für einzelne Sportarten.

Wie „öffentlich“ ist die Studie?

Um die Veröffentlichung gab es mindestens genauso viel Wirbel wie um ihre Ergebnisse. Erst wurde sie lange zurückgehalten, dann erschien sie am Montag nach intensiver medialer Berichterstattung auf einmal auf der Internetseite des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp). Allerdings handelt es sich beim HU-Forschungsprojekt um eine konzentrierte Fassung von 117 Seiten und nicht um die ursprüngliche Langfassung von 800 Seiten. „So lange das BISp und das Bundesinnenministerium uns nicht den gleichen Schutz wie für die 117 Seiten geben, werden wir uns nicht über die weiteren Ergebnisse äußern“, sagt der Sporthistoriker Erik Eggers, der an der Studie beteiligt war und auch Autor dieser Zeitung ist. Dabei geht es um Haftung und Datenschutz. Die Ergebnisse der Studie sind auch deshalb nicht ergiebiger, weil vieles aus der westdeutschen Dopingpraxis nicht dokumentiert wurde oder manche Akten nicht mehr auffindbar sind. So vermisst Eggers im BISp eine Akte zur Forschung mit dem Blutdopingmittel Epo.

Welche Funktionsträger aus Sport und Politik müssen sich nun verantworten?

Was die Mitwisserschaft und damit die Verantwortung der Politik beim Einsatz von Dopingmitteln in Westdeutschland bis 1990 betrifft, so kann auch die aktuelle Studie keine eindeutigen Beweise vorlegen. Allerdings stellt sie eine ganze Reihe von Indizien zusammen, die zumindest auf eine Duldung des Einsatzes hinweisen. Dreh- und Angelpunkt ist dabei das BISp. Das BISp untersteht dem Bundesinnenministerium und ist seit Jahrzehnten unter anderem für die Vergabe von Forschungsaufträgen im Sportbereich und damit für die Vergabe von Millionen Fördermitteln aus Steuergeld zuständig.

Die Wissenschaftler der HU haben sich nun unter anderem intensiv mit einer Studie zum Thema „Regeneration und Testosteron“ befasst, die vom BISp Anfang der achtziger Jahre in Auftrag gegeben wurde und die sich unter anderem ausführlich mit der Anwendung von Testosteron befasst hat. Dass das Innenministerium, das die Fachaufsicht hatte, nie vom Wesen und der Zielrichtung einer solchen Studie gewusst haben soll, ist kaum vorstellbar. Es nachzuweisen, merken die HU-Wissenschaftler an, sei allerdings wegen der „lückenhaften Aktenlage“ schwer. „Vielleicht war es auch einfach so, dass ein Abteilungsleiter informiert war, aber darüber nicht nach oben weiterberichtet hat“, sagt Erik Eggers.

Die verantwortlichen Minister in dieser Zeit waren Friedrich Zimmermann (CSU) und Wolfgang Schäuble (CDU). Wolfgang Schäuble, heute Finanzminister, hatte sich bereits Ende der siebziger Jahre als sportpolitisch interessierter Abgeordneter intensiv in die Dopingdebatte eingemischt. So hatte er bei einer Anhörung im Bundestag die Frage aufgeworfen, ob es überhaupt „nützlich ist“, Leistungssportlern in Deutschland das Dopen zu verbieten, wenn es „international nicht auszuschließen ist“. Schäuble meinte, dass es wohl besser sei, die Einnahme von leistungssteigernden Medikamenten zu kontrollieren, statt sie rigoros zu verbieten. Die Vermutung, Politiker hätten bereits vor den Olympischen Spielen in München 1972 Druck zum Doping ausgeübt, um mehr Medaillen erzielen zu können, hat der seinerzeitige Innenminister Hans-Dietrich Genscher derweil als „völlig ausgeschlossen“ bezeichnet.

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