Sport : Doping: Aufputschen bis zum Umfallen?

Werner Raith

Von Panik, so der Präsident des italienischen Olympischen Kommitees, Gianni Petrucci, könne man "noch nicht reden". Petrucci will höchstens von "deutlich erhöhter Besorgnis" sprechen, speziell unter den Fußballspielern Italiens. Ursache sind Presseberichte über Aufsehen erregende Ergebnisse bei den Ermittlungen des Turiner Staatsanwalts Raffaele Guariniello, der sich seit einiger Zeit auf Dopingsünder spezialisiert hat und der mit seinen Ermittlungen nun in ganz neue Dimensionen vorstoßen will. In nicht weniger als neun Todesfällen vorwiegend aus dem Fußballbereich vermutet er neuerdings einen Zusammenhang mit der Einnahme von Muskelstärkern, Aufputschmitteln und Sauerstoffbeschleunigern im Blut.

Die Fälle erstrecken sich über einen Zeitraum von 1981 bis 1999, das Alter der Verstorbenen reicht von 31 bis 65 Jahren. Die Betroffenen waren längere Zeit in einer der drei höchsten Ligen eingesetzt, und bei allen besteht der Verdacht, dass sie an der "lateral-amiotrophen Sklerose" gestorben sind. Das ist eine unheilbare Krankheit, die in der Sportler- und Medizinersprache unter der Bezeichnung "Lou Gerich"-Krankheit bekannt wurde - benannt nach dem legendären Baseballspieler Lou Gehrig (im Film über sein Leben von Gary Cooper dargestellt). Ihn hatte die Krankheit 1941 erwischt - und erstmals war ein Zusammenhang der Symptome mit der Sportlerkarriere unterstellt worden. Die Krankheit äußert sich zunächst in starken, nicht heilbaren Muskelschmerzen und starken Schluckbeschwerden. Irgendwann löst sich der Muskelapparat des Patienten auf und der Tod tritt ein.

Staatsanwalt Guariniello hat bereits vor zwei Jahren alle verfügbaren medizinischen Unterlagen der verdächtigen Todesfälle beschlagnahmt. Im Laufe der Auswertung hat er die Werte der Verdächtigen mit denen anderer Top-Fußballer und mit denen von Normalbürgern verglichen - mit verheerenden Erkenntnissen. Demnach haben Kicker, die den Sport über viele Jahre ausüben, ein 35 Mal so hohes Risiko, an Leukämie oder Lebertumor zu erkranken.

Eine Reihe von Ärzten zweifelt den Wert der Vergleiche indes an. Der frühere Vereinsarzt des AC Mailand, Giovanni Battista Monti, sieht acht oder neun Fälle der bei insgesamt im Untersuchungszeitraum verstorbenen 177 Fußballern zwar als "deutlich erhöht" an, doch aussagekräftig würde das Ganze nur, wenn die Untersuchung "auf alle in der obersten Liga eingesetzten Spieler erweitern würde". Doch Staatsanwalt lässt sich von solchen Einwänden nicht beirren - er geht bei alledem sowieso einer anderen Spur nach.

In seinem Zwischenbericht hat Guariniello die Stellungnahmen namhafter Wissenschaftler einbezogen, die einen direkten Zusammenhang zwischen der Einnahme von Dopingmitteln und dem Ausbrechen der "Lou Gerich"-Krankheit vermuten. Demnach wären die verdächtigen Todesfälle nicht, wie beim Gehrich-Syndrom früher unterstellt, rein dem Stress oder schlechten Sportbedingungen zuzuschreiben. Bisher hatten Ärzte angenommen, zu harte Sportplätze, überzogene Trainingszeiten oder falscher Ernährung würden zur Krankheit und schließlich zum Tod führen. Nun meint Guariniello, die Einnahme leistungsfördernder Medikamente begünstige das Ausbrechen der Krankheit. Seither ermittelt der rührige Staatsanwalt "gegen Unbekannt" wegen der Verabreichung unzulässiger Mittel an Sportler - mit oder ohne deren Wissen.

Die Vorgehensweise des Dopingjägers und die öffentlichen Spekulationen um Italiens tote Ex-Fußballer haben die möglicherweise Betroffenen, nämlich die Sportärzte im Lande, in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Die Forderung des Mailänder Fußballerarztes Monti, das Thema "tiefer zu hängen", mag auch mit eigener Angst zusammenhängen. Denn, so prophezeit einer seiner Kollegen aus der Zweiten Liga, der vor fünf Jahren in Pension gegangen ist: "Wenn die flächendeckend alle Spieler der obersten drei Klassen untersuchen, hat Italien bald keine Sportmediziner mehr."

Die Angst mag durchaus berechtigt sein. Im Gesundheits- und im Kulturministerium, das für den Sport zuständig ist, wurden inzwischen Arbeitsgruppen gebildet, die sich mit Planspielen für eine solch weiträumige Kontrolle aller Kicker befassen. Italiens Fußball steht offenbar eine Doping-Debatte ins Haus. Der Radsport hat das Thema schon hinter sich. Und wird an den Folgen noch lange leiden.

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