Sport : Doping-Debatte: Heuchelei um Mitternacht

Frank Bachner

Das ist ja eine richtig spannende Frage, die taugt sogar zur Wette: Wer bleibt wach? Die Saaldiener? Die Zuhörer? Der Leiter der Sitzung? Ja, der schon, der muss wach bleiben, das ist seine Pflicht. Und der Rest - 0 Uhr 40, Doping-Debatte im Bundestag, gemäß Tagesordnung, wen soll das wach halten?

Eben. Aber die Uhrzeit ist ja nur stimmig. O Uhr 40 ist lediglich der Höhepunkt der Peinlichkeit. Und genau deswegen passt diese Uhrzeit optimal ins Gesamtbild. Warum soll die Debatte um die Doping-Opfer zur besten Plenarzeit stattfinden, wenn die Diskussion die Politiker aller Parteien fast zwölf Jahre lang nicht interessiert hat. Klaus Riegert, seit 1994 Sportpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, hat die Debatte initiiert. Wie passend. Das ist jene Fraktion, die bis 1998 die Verantwortung in der Bundesregierung trug. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden Milliarden in den Aufbau Ost gepumpt, unzählige Berufsgruppen mit weiteren Milliarden subventioniert. Nur um die Doping-Opfer kümmerte sich keiner.

Heute gibt Riegert immerhin zu, dass dies ein Fehler war. Ein Buch hat ihn im vergangenen Jahr aufgeschreckt. Das Buch "Anklage Kinderdoping", eines gutes Buch, zweifellos, aber eines, in dem nur vertieft wird, was jahrelang schon in einer Flut von Zeitungsartikeln beschrieben worden war. Ignoranz kann manchmal fürchterlich schmerzen.

Heute Nacht werden dann alle Redner, parteiübergreifend, mit bewegter Stimme und viel Mitleid die armen Opfer bedauern. Und alle werden sich einig sein, dass aus moralischen Gründen dringend Hilfe nötig wäre. Anders gesagt: Es gibt die große Heuchelei. Erst werden die Leiden der Opfer nicht beachtet, dann für Fensterreden instrumentalisiert. Mitleid? Bewegte Stimmen? Die Debatte ist so wichtig, dass sie ans Ende der Tagesordnung gesetzt wurde.

Ehrlich wäre es, auf dem kurzen Dienstweg Geld in eine Stiftung zu pumpen. Hier geht es schließlich nur um einen Bruchteil jenes Betrags, den der Bundesrechnungshof jährlich als unnötige Verschwendung auflistet. Stattdessen wird wahrscheinlich die SPD sagen, dass sie dafür leider kein Geld hat, die CDU wird sagen, dass sie leider nicht in der Regierung sitzt, und die Opfer werden sich mal wieder allein gelassen fühlen. Das kennen sie bereits. Es wird konkret nichts passieren, keine politische Aussage deutet etwas anderes an. Deshalb ist es völlig egal, wer heute Nacht im Bundestag einschläft. Er versäumt nichts. Gute Nacht.

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