Sport : Doping, der ständige Begleiter

Lance Armstrong ist nur der beste von vielen Radprofis, die sich mit unerlaubten Mitteln helfen

Frank Bachner,Friedhard Teuffel

Berlin - Auch bei der Tour de France gibt es eine Zensur. Sie rollt in einem Auto vor den Fahrern über die Strecke und überpinselt mit schwarzer Farbe die kritischen Botschaften, die dort vorher einige Zuschauer in Weiß auf den Asphalt gemalt haben. Geschwärzt werden unter anderem gemalte Spritzen mit der Aufschrift „Epo“ für das Dopingmittel Erythropoietin oder Betrugsvorwürfe gegen einzelne Fahrer. Als Lance Armstrong noch für das Team US Postal fuhr, war auf der Landstraße „US EPOSTAL“ zu lesen. Bekannt ist auch die Denkschrift „EPO LANCE“.

Im nächsten Jahr wären solche Pflastermalereien nur noch Nachrufe auf eine Sport-Legende, denn nach den Enthüllungen der französischen Sportzeitung „L’Equipe“ über sechs positive Dopingproben mit Spuren von Epo bleibt vom Mythos Lance Armstrong nicht mehr viel übrig. Die Verdächtigungen sind jedoch schon älter, und sie waren auch wenigstens für kurze Zeit präsent bei der Tour de France – so lange, bis das Rollkommando kam. Unter dem schwarzen Deckmantel halten sich jedoch die Gerüchte darüber, wie sehr der Radsport und insbesondere ihre Parade der Besten, die Tour de France, vom Doping befallen ist. Selbst der nicht gerade als Doping-Aufklärer bekannte Präsident des Internationalen Radsport-Verbandes UCI, Hein Verbruggen, äußerte einmal: „Wenn die Leute damit zufrieden wären, dass die Tour de France mit Tempo 25 gefahren wird, gäbe es kein Doping-Problem. Wenn man aber 42 Stundenkilometer will, gibt es nur einen einzigen Weg: Doping.“ An die Öffentlichkeit gelangte dies auch nur, weil sein Gesprächspartner es ausplauderte. Es war Richard Pound, der Vorsitzende der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada).

„Doping gehört zum Radsport wie Hänsel zu Gretel“, sagt etwa Klaus Zöllig, der Vorsitzende des Vereins Doping-Opfer-Hilfe. Andere Anti-Doping-Aktivisten wie der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke sagen: „Der Radsport ist bis in die Wolle korrupt.“

Der Eifer hinter diesen Vorwürfen wuchs vor allem bei der Tour 1998. Es war der bis dahin größte Dopingskandal des Radsports. Der Sportliche Leiter und der Arzt des Teams Festina wurden verhaftet. Schließlich schloss die Tour-Direktion das Team aus. Der Festina-Betreuer Willy Voet war mit unzähligen Dopingmitteln im Kofferraum aufgeflogen, danach gestand er, dass Festina pro Saison jeweils 300 Ampullen Epo und Wachstumshormon verbrauchte. Manche Fahrer nähmen allein jeweils 80 Ampullen Epo, sagte Voet. Dem Festina-Kapitän Richard Virenque, der monatelang Dopingkonsum leugnete, schrie er entgegen: „Du Bastard wärst tot, wenn ich dir alles injiziert hätte, was du wolltest.“

Die Radsport-Welt geriet ins Wanken. Die Polizei griff fortan härter durch, und seitdem gibt es immer wieder Fälle wie die von Raimondas Rumsas. Der Radprofi aus Litauen kommt im Oktober in Bonneville, Frankreich, vor Gericht. Neben ihm wird seine Frau Edita sitzen. Vorwurf: Medikamentenschmuggel. Edita Rumsiene transportierte diverse Dopingpräparate im Kofferraum ihres Autos, als sie am Schlusstag der Tour der France 2002 an der Grenze von Frankreich gestoppt wurde. Und Gatte Raimondas, bei der Tour 2002 Dritter der Gesamtwertung, soll davon gewusst haben. Vor allem aber sollen für ihn etliche Ampullen bestimmt gewesen sein. Das liegt nahe: Beim Giro d’Italia 2003 flog der Litauer als Epo-Konsument auf. Ein Jahr wurde er gesperrt.

Er ist nur einer von vielen. Dario Frigo aus Italien landete bei der Tour de France 2005 kurzzeitig im Gefängnis, weil seine Frau mit Dopingmitteln im Kofferraum ihres Autos gestoppt wurde. Beim Giro d’Italia 2001 wurde er mit einem Testosteronpflaster erwischt. Sechs Monate Sperre. „Alle dopen sich. Der ganze Radsport ist verseucht“, sagte er damals.

Das enorme Ausmaß des Dopings im Radsport hat viele Gründe. Die besondere Leistungsanforderung ist einer davon, die Organisation des Dopinghandels ein anderer. Es scheint ein Kartell von Ärzten, Betreuern und Fahrern im Radsport am Werk zu sein. Für Nachschub ist offenbar auch immer gesorgt. Die Rede ist von Vans mit verdunkelten Fenstern, die in der Nähe der Mannschaftshotels parken und in denen sich Fahrer mit Dopingmitteln versorgen.

Ein Physiotherapeut und der Ex-Profi Marek Rutkiewicz vom französischen Spitzenteam Cofidis wurden vor eineinhalb Jahren verhaftet, weil sie Dopinghandel in größeren Mengen vertrieben haben sollen. Der Cofidis-Profi Philippe Gaumont erklärte kurz darauf, 90 Prozent aller Fahrer seien gedopt. Auch der Radprofi Jesus Manzano packte aus. Der Spanier gab zu, dass er beim Giro d’Italia 2001 und 2002 Epo und Wachstumshormon genommen hatte. Zudem seien bei seinem früheren Team Kelme verbotene Eigenblut-Transfusionen und Medikamentenmissbrauch üblich gewesen. Überhaupt scheint die Nachfrage nach Dopingmitteln im Radsport auch die Auswahl der Mittel zu beeinflussen. Im Radsport tauchen immer wieder neue Substanzen auf, so das Blutdopingmittel RSR13, das angeblich schon wenige Stunden nach der Einnahme nicht mehr nachzuweisen ist.

Die Liste der gedopten Fahrer wird fortgesetzt. In diesem Jahr wurde Zeitfahr-Olympiasieger Tyler Hamilton aus den Vereinigten Staaten wegen Dopings mit Epo für zwei Jahre gesperrt. Er war bei der Tour de France im Team von US Postal Helfer von Lance Armstrong.

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