Doping im Reitsport : Zittern, bis der Arzt kommt

Dressurreiterin Isabell Werth bleibt nach der positiven Dopingprobe ihres Pferdes Whisper suspendiert. Und entfacht eine Diskussion: Was darf einem Pferd zugemutet werden?

Friedhard Teuffel
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Hut ab. Isabell Werth darf beim CHIO in Aachen nicht an den Start gehen. Foto: dpa

Berlin - Kann ein Pferd im Hochleistungssport eingesetzt werden, das an der Zitterkrankheit leidet? Bei ihrem Pferd Whisper sei diese Einschränkung aufgetreten, sagt Isabell Werth, dennoch nahm sie weiter mit ihm an Wettkämpfen teil. „Diese Krankheit ist nicht schmerzhaft, und sie schränkt die Sporttauglichkeit nicht ein“, glaubt sie. Als Symptome wie unkontrollierte Ausfallschritte aufgetreten seien, habe sie das Pferd behandeln lassen – mit Fluphenazin. Diese Substanz ist allerdings nicht für Pferde zugelassen, sie steht auf der Dopingliste. Die fünfmalige Olympiasiegerin bleibt nun vorläufig gesperrt, das bestätigte gestern der Weltverband. Das CHIO in Aachen wird ohne sie stattfinden, ebenso wohl die EM im August und alle anderen großen Turniere in den nächsten beiden Jahren. So lange könnte die Sperre dauern.

Werth selbst hat in einer Anhörung des Weltverbands Fehler eingeräumt und verzichtet auch auf die Öffnung der B-Probe. „Ich war reuig und geständig“, sagt die 39-Jährige. „Es ist ein Riesenfehler passiert, das kann man nicht schönreden. Ich bin am Boden zerstört.“ Werths Anwalt Ulf Walz erklärt: „Ihr Tierarzt hat einen kapitalen Fehler gemacht.“ Ihr Heimtierarzt, der Schweizer Hans Stihl, hatte dem Pferd das Medikament Modecate mit dem Wirkstoff Fluphenazin verabreicht und war sich offenbar sicher, dass die Substanz bis zum Turnier am 30. Mai in Wiesbaden nicht mehr nachweisbar sei.

Er hat sich getäuscht. „Die Wirkung der Substanz setzt nicht sofort ein und ist nicht sehr intensiv, aber lang anhaltend“, sagt Eberhard Schüle, stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für Pferdemedizin. Im Wettkampf gilt die sogenannte „Nulllösung“: Von wenigen Ausnahmen wie Desinfektionsmitteln oder Impfstoffen abgesehen, dürfen keine Substanzen im Körper des Pferdes nachgewiesen werden.

Nicht nur juristisch wird Werths Verhalten diskutiert, sondern auch ethisch, zumal ihr Fall nur der jüngste in einer ganzen Reihe von Vorkommnissen im deutschen Pferdesport ist. Jetzt wird noch intensiver über Erlaubtes und Verbotenes, Zumutbares und Unzumutbares für Tiere im Sport gestritten.

Hat sie ihrem Pferd nun also geholfen oder geschadet? Die Zitterkrankheit, das Shivering Syndrom, tritt jedenfalls nicht einmalig auf und verschwindet auch nach einer Behandlung nicht wieder. „Die Krankheit hat immer einen chronischen Verlauf“, sagt Eberhard Schüle. Für die Zitterkrankheit gebe es auch keine Therapie und keine Heilung. Er selbst hat sie schon dadurch behandelt, Stressauslöser zu verringern. Denn er sagt: „Stress verstärkt die Symptome.“

Ein Turnier bedeutet zweifelsohne Stress.

Aus den jüngsten Dopingvorkommnissen, wie der Suspendierung von Christian Ahlmann bei den Olympischen Spielen 2008, hat die Deutsche Reiterliche Vereinigung inzwischen Konsequenzen gezogen. Die Reiter müssen ein Buch führen, in dem sie alle Medikationen dokumentieren. Außerdem müssen acht Wochen vor einem Championat alle medizinischen Maßnahmen mit dem Mannschaftstierarzt abgesprochen werden.

Zuletzt hatte Olympiasieger Ludger Beerbaum mit seiner Äußerung Aufregung verursacht, auszureizen, was nicht verboten sei. Er plädiert für eine Lockerung der Nulllösung, für Grenzwerte für bestimmte Substanzen – und trifft auf Widerstand. Eberhard Schüle sagt: „Die Behauptung der Reiter, dass Substanzen nur kurz wirken und lange nachweisbar sind, ist zu 99 Prozent falsch.“ Eine Lockerung passe auch nicht zum Anspruch der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, gesunden Sport auf gesunden Pferden treiben zu wollen. mit dpa

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