Sport : Doping: Internationales Wettrüsten der Spritzensportler

Rolf Degen

Noch im vergangenen Jahr hatte John Coates, Präsident des olympischen Komitees Australiens, stolz erklärt, sein Land werde froh sein, die Welt in ein dopingfreies Jahrtausend zu führen. Mit der Aberkennung der Goldmedaille für die rumänische Turn-Olympiasiegerin Andrea Raducan - dem ersten Doping-Fall beim Turnen in der Geschichte der Olympischen Spiele - hat sich nun auch der fünfte Kontinent die Finger am Olympischen Feuer verbrannt. Die Verlockung, der eigenen Leistungsfähigkeit durch Chemie das entscheidende Jota abzutrotzen, ist offenbar so verführerisch, dass sich kein organisiertes Sportereignis mehr dem Odium der Manipulation entziehen kann.

Nach spektakulären Dopingfällen in den sechziger Jahren begründete das Internationale Olympische Komitee 1967 eine medizinische Kommission, die einzelne Substanzklassen und Methoden mit einem Bann belegte. Der "chemische Index" setzt sich heute aus fünf verbotenen Substanzklassen zusammen: Stimulanzien, die körperlich aufputschend wirken. Narkotika, die Beschwerden bei körperlichen Belastungen lindern. Anabolika, die den Aufbau der Muskeln stimulieren. Diuretika, die durch Harntreiben das Gewicht vermindern und den Nachweis anderer verbotener Substanzen erschweren. Peptid- und Glykoprotein-Hormone, die das Wachstum anregen oder den Gehalt an Sauerstoff spendenden Blutkörperchen steigern. Hinzu kommen einige Stoffe, deren Gebrauch eingeschränkt ist, zum Beispiel Alkohol, Cannabis und Betablocker. Zudem sind Methoden wie "Blutdoping" verboten.

Einem Athleten, der unbedingt betrügen möchte, stehen heute alleine 36 verschiedene Anabolika zur Verfügung, von denen einige ausschließlich für den Gebrauch bei Tieren entwickelt wurden. Der äußere Rahmen für die sportliche Leistungsfähigkeit wird allerdings durch Erbanlagen und die Intensität des Trainings festgelegt, gibt der Doping-Experte Andreas Bredenkamp zu bedenken. "Mittelklasseathleten gelangen durch die Präparate nicht ins Spitzenfeld."

Innerhalb der Gruppe der Spitzensportler könne die Einnahme von unerlaubten Mitteln allerdings den ausschlaggebenden Vorteil bringen. So hatten Versuche in der DDR ergeben, dass ein Kugelstoßer, der Anabolika eingenommen hatte, die Kugel bis zu vier Meter weiter stieß als ein "sauberer" Teamkollege. Objektiv weisen auch detaillierte Langzeitanalysen nach, dass die internationale Leistungsentwicklung jeweiliger Disziplinen in direkter Abhängigkeit zu den einschlägigen Mitteln steht, die in den Labors entwickelt werden: Ob Gewichtheber unfassbare Weltrekordserien stemmten, Radprofis bei der Tour de France massenhaft Geschwindigkeitsrekorde brachen, die DDR-Olympiamannschaft in Melbourne 1976 eine unglaubliche "Medaillenflut" erkämpfte oder Frauen "mit den tiefen Stimmen" im Schwimmen, Sprint, Kugelstoßen und Speerwurf für historische Leistungsexplosionen sorgten.

Auf der anderen Seite kommt es rasch zu deutlichen Leistungseinbußen, sobald wirksame Kontrollen eingeführt werden. Angesichts der Flut eindeutiger Fakten, Analysen und "Insider-Geständnisse" ist das Urteil trotz relativ weniger nachgewiesener olympischer Dopingfalle - von den Winterspielen 1968 bis zum letzten internationalen Sportfest in Atlanta wurden nur 52 Athleten überführt - zwingend, konstatiert die Zeitschrift "Psychologie heute" in ihrer Oktober-Ausgabe: "Doping im Leistungssport ist seit Jahrzehnten weiter verbreitet, als viele TV-Sportkonsumenten noch immer glauben und Sportfunktionäre zugeben."

Man muss davon ausgehen, dass auch in diesem Jahr eine große Zahl von Athleten den vorgeschriebenen Tests ein Schnippchen schlagen wird, räumt der "Scientific American" pessimistisch ein. "Viele werden sich mit Substanzen dopen, die im Urin noch nicht nachzuweisen sind. Andere werden die Einnahme der verbotenen Substanzen so sorgfältig timen und dosieren, dass der Blutgehalt unter die Nachweisgrenze fällt."

Betrüger, die Anabolika ein paar Wochen vor dem Sportfest absetzen, entgehen der Überführung, aber sie behalten zumindest einen Teil der illegal erschlichenen Muskelmasse bei. Bereits 1989 gestand die ehemalige amerikanische Olympiatrainerin Pat Connolly dem US-Senat, dass vermutlich über 40 Prozent aller amerikanischen Läuferinnen bei der Vorbereitung auf die Spiele in Seoul irgendwann Anabolika genommen hatten. Keine dieser Sprinterinnen ging den Kontrolleuren in ins Netz.

Die relativ geringe Zahl der erwischten schwarzen Schafe bei den Olympischen Spielen hängt sicher auch damit zusammen, dass dieses Sportfest der einzige Ort ist, an dem ein erfolgreicher Athlet fest mit einer Blutprobe rechnen kann. "Heutzutage muss man schon ein Idiot sein, um bei dieser Veranstaltung aufzufliegen", hebt Bob Condron, ein Sprecher des amerikanischen Olympischen Komitees hervor. Allerdings werden selbst bei Olympia weniger als 20 Prozent der Athleten mit Blutproben abgecheckt.

Kontrollen sind erfahrungsgemäß nur wirksam, wenn sie unabhängig von Sportorganisationen erfolgen: Den bisher größten Dopingskandal der Sportgeschichte enthüllten während der Tour de France 1998 keine Verbandskontrolleure oder Sportfunktionäre, sondern Polizei und Staatsanwaltschaft.

Die Beziehung zwischen den dopenden Sportlern und den Kontrolleuren gleicht einem Wettrüsten, bei dem jede Partei auf den Fortschritt des Gegners mit einer Verbesserung ihrer Interventionen reagiert. "Es ist fast so wie im kalten Krieg", bringt dies David Joyner, Direktor des amerikanischen Olympischen Komitees für Sportmedizin, auf den Punkt. Sportler machen sich mit verblüffender Zielstrebigkeit die neuesten Errungenschaften der Biotechnologie zunutze, während die Prüfer mit den neuesten Sondierungsmethoden aus der Weltraumtechnologie Paroli bieten. Experten verraten hinter vorgehaltener Hand, dass viele Athleten Testosteron-Pflaster tragen, die gerade so viel von dem Männlichkeits-Elixier abgeben, wie eben unter die erlaubte Schwelle fällt.

Ständig kommen neue Mittel auf den Markt. Dazu gehört synthetisches Blut, das sich unter Radrennfahrern durchgesetzt haben soll. Langfristig ist nicht auszuschließen, dass sich rekord- und siegesversessene Sportler auch für eine Gentherapie entscheiden. Im Tierversuch wurde bereits ein Impfstoff erprobt, der die Gene so beeinflusst, dass der Körper mehr von der sauerstofffördernden Substanz EPO produziert.

Dabei ist es ohnehin problematisch, einem Sportler illegales Einnehmen von EPO nachzuweisen. Denn er erreicht sein Ziel auch legal, durch den Schlaf in einer Höhenkammer. Dabei handelt es sich um Kammern, in denen der Sauerstoffgehalt der Luft statt normal rund 21 nur 15 Prozent beträgt Dieser niedrige Wert entspricht in etwa den Werten in 2500 Metern Höhe. Nach wenigen Wochen hat der Körper den Sauerstoffmangel durch erhöhte Produktion von roten Blutkörperchen ausgeglichen.

In jedem Fall gilt: Wer die neuen Mittel einnimmt, ist immer denen, die sie verbieten wollen, um drei bis vier Jahre voraus. Experten wissen, dass Wettkampfkontrollen zum Dopingnachweis alleine nicht genügen. Da sie unterlaufen werden können und zu einem gesundheitlich hochriskanten Überbrückungsdoping führen, müssen sie durch unangekündigte Trainingskontrollen ergänzt werden.

Vielleicht ist der Kampf für einen dopingfreien Sport sowieso aussichtslos, gibt "Psychologie heute" zu bedenken: Das abgehobene Idealbild einer friedlichen Sportkultur sei reines Wunschdenken, der Sport eine Spielart des Krieges, der, wie alle Kriege, niemals sauber sein könne. Es hängt einfach zu viel davon ab, besser und schneller zu sein als die anderen, dass der erhoffte Gewinn die moralischen Grundsätze korrumpiert.

Auch die Öffentlichkeit hat sich desillusioniert mit der Erkenntnis abgefunden, dass unter Olympischen Ringen krumme Touren laufen. Ohnehin stehen erstaunlich viele Profisportler dem Dopinggedanken alles andere als ablehnend gegenüber. Unter Spitzenathleten und Sportverbänden scheint es eine verbreitete Meinung zu sein, dass Doping in Ordnung ist, so lange man sich nicht ertappen lässt. Die nationale Akademie für Sportmedizin in Chicago hat Spitzensportler über ihre Einstellung zum Doping befragt. 195 der 198 Befragten hatten keine Bedenken, eine fiktive, verbotene Substanz einzunehmen, die sie zum Sieger machen würde - solange die nicht nachweisbar wäre. Auf die Frage "Würdest du ein verbotenes Mittel einnehmen, das dich die nächsten fünf Jahre bei jedem Wettkampf zum Sieger macht, auch wenn du später daran stirbst?", antwortete die Hälfte mit Ja.

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