Sport : Doping ist keine Ländersache

Friedhard Teuffel

In der Leichtathletik hat das große Verdächtigen begonnen. Manche Athleten, Trainer und Verbandsfunktionäre machen sich gerade einen Sport daraus, Andeutungen über mögliche Dopingverwicklungen ihrer Konkurrenz fallen zu lassen. Die Deutschen bringen es darin zur Meisterschaft: Schon die tiefe Stimme der Russinnen gehört? Schon ihre Akne im Gesicht gesehen?

Die Russen sind in diesem Spiel zurzeit besonders häufig Opfer. Oder sollte man besser nicht von Opfern reden, weil längst alle als Täter gelten, die nicht das Gegenteil beweisen können? Man kann die Verdächtiger verstehen, denn die Unsicherheit ist groß, und das Gefühl, betrogen zu werden, macht wütend. Es gibt in der Tat Hinweise, die das Misstrauen etwa gegen die Russen füttern. Das fängt beim Kontrollsystem an. Wenn ein prominenter russischer Athlet überführt wird, dann oft im Ausland und von einem ausländischen Kontrolleur. In einem Land mit niedrigem Durchschnittseinkommen sind die Versuchungen größer, mit einem einzigen Titelgewinn eine mehrköpfige Familie für eine längere Zeit versorgen zu können.

Beweise sind das aber nicht. Deshalb ist es nicht fair, die nationale Komponente in der Dopingdiskussion zu sehr zu betonen. Länder ohne Dopingfälle gibt es kaum noch, kein Land hat ein ausreichendes Kontrollsystem. Es sind in der Leichtathletik ohnehin nicht nur nationale Verbandsfunktionäre, die Doping dulden, sondern Länder übergreifend arbeitende Manager, die Doping anordnen. Sie suchen sich die besten Athleten aus aller Welt und lassen sie von ausgewählten Ärzten mit verbotenen Substanzen behandeln.

Verbessern würde sich die Situation durch mehr Unabhängigkeit. Alle müssten mehr Geld dafür investieren, damit künftig zum Beispiel Polen Russen kontrollieren können, Russen Deutsche und Deutsche Amerikaner. Kontrollen sind die einzige vertrauensbildende Maßnahme im Spitzensport.

Seite 19

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben