Sport : „Doping ist wie Drogenhandel“

Nada-Chef Augustin über den Kampf seiner Agentur gegen Betrug im Sport

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Herr Augustin, die spektakulärsten Dopingnachrichten kommen zurzeit aus Amerika. Wird in den USA mehr gedopt als in Deutschland?

Das ist schwer zu sagen. Aber es ist schon bezeichnend, dass so genannte Prohormone, also Vorläufer von anabolen Steroiden, einfach im Supermarkt erhältlich sind. Solche Nahrungsergänzungsmittel sind ein richtig großes Geschäft in Amerika.

Im kalifornischen Chemielabor Balco ist das Dopingmittel THG entwickelt worden. Wie schnell verbreitet sich eine solche Substanz in der Welt?

Die THG-Welle ist noch nicht nach Europa geschwappt. Wer eine Substanz wie THG einnimmt, der hält dicht. Wir befürchten aber, dass vor allem Chemiker aus Osteuropa – von denen viele ohne Beschäftigung sind – darangehen könnten, neue Dopingsubstanzen zu entwickeln.

Ist es nicht eine Niederlage für den Kampf gegen Doping, dass Fälle wie THG nicht von einer Anti-Doping-Agentur aufgedeckt wurde, sondern erst nach Recherchen der amerikanischen Steuerbehörden?

Es ist sicherlich ein Novum, dass die amerikanischen Steuerbehörden da intensiv recherchiert haben. Aber es zeigt auch, dass in den USA das Zusammenspiel der Kräfte gut funktioniert.

Sagt es nicht viel aus, dass die Nada noch keinen prominenten Dopingfall aufgedeckt hat?

Aus Sicht der Medien ist das vielleicht schade. Ich würde es aber positiv sehen. Das zeigt nämlich, dass das Kontrollsystem in Deutschland schon vor unserer Gründung gut war.

Dass Sie noch keine spektakulären Fälle aufgedeckt haben, bedeutet also, dass die deutschen Sportler ein reines Gewissen haben?

Ja. Aber wir haben auch positive Fälle, so ist es ja nicht. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 38 im deutschen Sport.

Das Erste, was Clemens Prokop, dem Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, zur Nada einfällt ist: Es gibt viel zu wenig Kontrollen.

Wenn die Verbände oder der Bund mehr Geld für die Nada und die beiden deutschen Dopingkontrolllabore ausgeben würden, dann könnten wir auch mehr kontrollieren. Ich muss jedoch auch sagen: Der Leichtathletik-Verband investiert schon sehr viel. Aber die Analysetechnik wird immer aufwändiger. Wir haben es immer mehr mit Eiweißmaterialien zu tun, mit Epo, mit Wachstumshormon. Die sind mit dem klassischen Urintest nur bedingt nachweisbar. Eine Blutentnahme ist aber deutlich teurer als ein Urintest. Die Tests müssen schon vor Ort präpariert werden, es muss ein Arzt dabei sein, sie müssen in Trockeneis transportiert werden. Das kostet. Um unsere Maßnahmen zu intensivieren, müsste unser Etat von 1,2 Millionen Euro eigentlich verdoppelt werden.

Wie hat sich das Niveau der Kontrollen entwickelt?

Es ist ziemlich stabil. Wir haben etwa 8000 Kontrollen im Jahr. Die Hälfte davon sind Wettkampfkontrollen.

Ist nicht die Gewichtung falsch, genauso viele Wettkampfkontrollen zu machen wie Trainingskontrollen? Der clevere Sportler dopt sich schließlich schon lange vor dem Wettkampf.

Wir arbeiten daran, die Zahl der ausgelosten Kontrollen herunterzufahren, dafür die Zielkontrollen zu erhöhen. Wir kontrollieren in Zukunft nicht mehr so viel nach dem Zufallsprinzip, sondern wir verfolgen stärker die persönliche Wettkampfentwicklung der Athleten. Wer mit unnormalen Leistungssteigerungen auffällt, wird häufiger kontrolliert.

Sind denn die Trainingskontrollen an die Trainingspläne angepasst? Schließlich wird jeder 400-Meter-Läufer auf der Welt ungefähr mit den gleichen Trainingszyklen arbeiten. Man weiß also, in welchen Monaten besonders viel gedopt wird.

Wir sind noch nicht dazu gekommen, derartige Pläne mit in das System einfließen zu lassen. Da werden wir im Laufe des Herbstes weiter sein. Aber die deutschen Athleten sind dennoch gut kontrolliert. Sie werden von drei Organisationen getestet: von uns, von ihrem internationalen Fachverband und von der Wada, der internationalen Anti-Doping-Agentur.

Bisher ist nur die Weitergabe von Dopingsubstanzen strafbar, nicht der Besitz. Brauchen wir ein Anti-Doping-Gesetz?

Wir haben ja schon den internationalen Anti-Doping-Code, der den Besitz unter Strafe stellt. Aber wenn ein staatliches Gesetz den Besitz von Dopingmitteln unter Strafe stellen würde, wäre das ein Riesenfortschritt.

Nach dem Arzneimittelgesetz sind schon jetzt Razzien bei Verdacht auf Weitergabe von Dopingmitteln möglich. Warum gibt es dennoch keine Razzien in Deutschland wie in Frankreich oder Italien?

Wir bekommen monatlich Hinweise auf Dopinghandel. Die geben wir an die Staatsanwaltschaften weiter. Aber in der Regel werden diese Sachen nicht weiter-verfolgt. Das Bewusstsein für Doping ist einfach noch nicht da. Doping müsste auf dieselbe Stufe gestellt werden wie Drogenhandel. Und es müsste Schwerpunktstaatsanwaltschaften geben, die sich nur mit Doping beschäftigen.

Für den olympischen Medaillenspiegel fordern deutsche Politiker meistens den dritten Platz. Welchen Rang belegt Deutschland im Anti-Doping-Kampf?

Ich denke, wir belegen auch hier Platz drei, allerdings hinter der Schweiz und Frankreich. Die Schweiz hat das beste Präventionssystem, Frankreich kontrolliert am brutalsten.

Die Tour de France wird seit Jahren von schweren Dopingvorwürfen erschüttert. Können Sie sich dieses Ereignis überhaupt noch anschauen?

Ich habe kürzlich den Film „Höllentour“ von Pepe Danquart gesehen, der die Tour de France und ihre Helden feiert. Wenn ich nicht bei der Nada arbeiten würde, wäre ich von diesem Film sicher noch begeisterter gewesen. Es ist wohl auch kein Zufall, dass der Radsport-Weltverband den internationalen Anti-Doping-Code erst nach der diesjährigen Tour de France unterzeichnet.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel

ROLAND AUGUSTIN (41) ist Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada). Zuvor war der Lebensmitteltechniker Abteilungsleiter beim Deutschen Teppichforschungsinstitut.

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