Doping : Kokain für den Kopf

Andre Agassi ist kein Einzelfall: Im Tennis hat der Konsum von Drogen eine lange Tradition. Auffällig ist, dass prominente Dopingfälle im Tennis bislang fehlen. Noch nie wurde der Sieger eines Grand-Slam- Turniers im Nachhinein des Betrugs überführt.

Anke Myrrhe

BerlinBerlin - Kokain, Speed, Cannabis, Crystal Meth – die Vergehen lesen sich wie ein Katalog unerlaubter Partybegleiter. Nicht umsonst stehen diese Drogen auch auf der Liste der verbotener Substanzen im Sport. Das Drogen-Geständnis von Andre Agassi hat einmal mehr gezeigt, dass der Gebrauch von Aufputschmitteln im Tennis keine Seltenheit ist.

Weil Partydrogen nicht der klassischen Vorstellung von Doping entsprechen, blieben die großen Skandale im Tennis bislang aus. Noch nie wurde der Sieger eines Grand-Slam- Turniers im Nachhinein des Betrugs überführt. Und bei den nachgewiesenen Substanzen handelt es sich meist nicht um solche Mittel, die auf flächendeckendes oder systematisches Blutdoping, wie es im Radsport oder in der Leichtathletik aufgedeckt worden ist, hindeuten könnten. „Die bekannten Fälle haben gezeigt, dass stimulierende Substanzen die größte Rolle spielen“, sagt der Dopingexperte Fritz Sörgel. Dabei gehe es eher um eine Leistungssteigerung über Umwege. Kokain beispielsweise erhöht die Konzentration, die im Tennis über einen längeren Zeitraum wichtiger ist als in andere Sportarten. Außerdem bleiben die üblichen Ermüdungserscheinungen auch bei extremer sportlicher Betätigung aus – die Droge steigert zudem das Selbstwertgefühl und löst Versagensängste.

Yannick Noah behauptete Mitte der Achtzigerjahre, also bevor systematische Dopingtests eingeführt wurden, dass jeder zweite Tennisprofi kokse. Bestätigt wurde er von den ersten Dopingfällen, die 1995 bei den French Open Mats Wilander und Karel Novacek überführten. Den prominentesten Fall jedoch bildet wohl die Schweizerin Martina Hingis, die 2007 Kokain im Urin hatte und für zwei Jahre gesperrt wurde. Die 29-Jährige könnte im kommenden Jahr wieder spielen, was sie jedoch bisher nicht vorhat. Der Tscheche Ivo Minar wurde kürzlich für acht Monate gesperrt, nachdem ein Stimulans in seinem Körper gefunden worden war.

Kokain und andere stimulierende Substanzen sind jedoch relativ leicht nachweisbar. „Außerdem kann ein Spitzensportler die Droge über einen längeren Zeitraum nicht einnehmen, weil sie den Körper zerstört“, sagt Sörgel.

Dass es auch andere Formen des Dopings im Tennis gibt, darüber wird seit Ende der Neunzigerjahre spekuliert – spätestens seit der US-amerikanische Profi Jim Courier behauptete, dass auch im Tennis flächendeckend mit Epo gedopt werde. „Ich kann nicht 35 Wochen lang am Stück Turniere spielen, das schafft mein Körper nicht“, sagte Courier, „aber es gibt Spieler, die genau das tun.“ Nach der Festina-Affäre bei der Tour de France 1998 hatte Courier vor allem europäische Spieler im Verdacht.

Der extrem harte Turnierkalender, der den Spitzenspielern von Januar bis November kaum eine Pause gönnt, ist für viele ein Indiz dafür, dass einige der Besten auch heute unerlaubt nachhelfen könnten. Rafael Nadal wurde mehrfach mit dem spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes in Verbindung gebracht, Beweise gibt es dafür jedoch nicht. „Es ist klar, dass Blutdoping und Epo-Doping auch bei einem Fünfsatzmatch immer von Vorteil ist“, sagt Experte Sörgel. Allerdings gibt er zu bedenken, dass die Muskelmassen im Tennis eine eher untergeordnete Rolle spielten.

Sind Partydrogen also halb so schlimm? Nein, sagt Sörgel, auch der Einsatz von Mitteln, die das Selbstbewusstsein steigern, dürfe nicht unterschätzt werden: „Herr Agassi hat davon sicher profitiert.“ Um diesen Effekten vorzugreifen, wird seit Beginn des Jahres auch im Training unangemeldet kontrolliert.

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