Sport : Doping-Prozess: Grenzen im Gerichtssaal (Kommentar)

Frank Bachner

Noch heult keiner "Skandal", und hoffentlich bleibt das auch so. Mit den Urteilen im Ewald-Prozess kann man leben. Die Urteile müssen niemanden befriedigen. Sie entsprechen der Rechtsnorm, und sie sind nachvollziehbar begründet. Das ist entscheidend. Dass nicht einmal die Drahtzieher des DDR-Dopings hinter Gitter müssen, hat auch nichts mit besonderer Milde zu tun. Nach dem DDR-Recht, um das es immer ging, hätten dazu zuvor die unmittelbaren Täter, die Trainer und Sektionsärzte, zu Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt werden müssen. Das wäre durchaus vertretbar gewesen, auch wenn es sich hart anhört. Aber hier ging es um Kindesmisshandlung in vielen Fällen. Um gedopte Minderjährige, um Ärzte, die ihre besondere Vertrauensstellung missbrauchten. Doch diese Täter kamen noch am glimpflichsten davon, in der Regel mit Geldstrafen.

Was haben die Doping-Prozesse überhaupt erreicht? Weniger, als viele erwarteten, aber genug, um dem Rechtsstaat zu genügen. Die Doping-Opfer wollten historische Aufklärung und die Täter öffentlich vorführen. Eine fatale Fehleinschätzung der Situation: Historische Aufklärung gehört nicht in einen Gerichtssaal, dort wird in einem eng gefassten Gebiet Recht gesprochen. Und wer die Urteile als zu milde kritisiert, vergisst, dass es hier nicht um Mord und Totschlag, sondern um Körperverletzung ging. Auch bei den Hauptverantwortlichen.

Und doch fand eine Art Aufklärung statt im Gerichtssaal. Das hartnäckige Schweigen der Angeklagten im Doping-Pilotprozess führte schließlich dazu, dass viele Stränge des Dopingsystems offengelegt wurden: durch Zeugenausagen, durch öffentlich verlesene Berichte aus Stasi-Akten, durch späte Geständnisse. Und im zweiten und dritten Prozess dann waren alle Befehlsstränge offengelegt. Niemand kann noch behaupten, er sei als früherer Sektionsarzt unschuldig.

Die Bedeutung dieser Prozesse lag aber auch im psychologischen Bereich. Die Täter mussten sich aktiv mit ihrer Vergangenheit auseinander setzen. Teilweise entschuldigten sie sich unter Tränen. Reuebekenntnisse, die ohne die Prozesse wohl kaum stattgefunden hätten. Diese zeigten aber auch, wie sehr Sportlerinnen unter ihrer Vergangenheit leiden. Opfer, die nur unter Qualen aussagten, Opfer, die trotz allem zu ihrem Trainer stehen, Opfer, die schlicht Doping-Einsatz leugneten. Das sind Verhaltensweisen, die nur noch tiefenpsychologisch zu erfassen sind. Und solche Momente zeigten auch die Grenzen dieser speziellen Vergangenheitsbewältigung. Im Gerichtssaal ist das Thema Doping nie befriedigend aufzuarbeiten.

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