Doping-Prozess : Holczer und Schumacher widersprechen sich

Der Ex-Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer bestreitet weiter, vom Doping des Radprofis Stefan Schumacher gewusst zu haben und unterstellt diesem „grenzenlosen Egoismus“. Doch es bleiben Widersprüche.

Damals arbeiteten sie noch Hand in Hand: Holczer (l.) und Schumacher 2008 in Peking.
Damals arbeiteten sie noch Hand in Hand: Holczer (l.) und Schumacher 2008 in Peking.Foto: dpa

Es steht weiter Aussage gegen Aussage: Der wegen Betrugs angeklagte Radprofi Stefan Schumacher und sein ehemaliger Teamchef Hans-Michael Holczer bleiben bei ihren Darstellungen. Welche der beiden Hauptfiguren am Ende des Prozesses recht bekommt, ist nach vier von acht Verhandlungstagen vor dem Landgericht Stuttgart noch nicht ersichtlich. Aber eine der beiden Versionen vom Umgang mit Doping im ehemaligen Vorzeigeradrennstall Gerolsteiner kann so nicht stimmen. Dazu gibt es zu viele Widersprüche.

Für Holczer steht außer Frage, dass Doping-Sünder Schumacher ihn in Interview-Beichten vor dem Prozess und bei Aussagen vor der 16. Großen Strafkammer zu Unrecht der Mitwisserschaft beschuldigt hat. „Es sind noch nie in dieser Art und Weise Dinge dargestellt worden, wie sie nicht gewesen sind“, beklagte sich der 59-Jährige. Schumachers Unterstellungen zeugten „aus meiner Sicht von einem grenzenlosen Egoismus“.

Die Reaktion des Angeklagten? „Das ist Blödsinn. Ich habe die Hosen runtergelassen. Das wäre für ihn auch mal an der Zeit“, sagte Schumacher der Nachrichtenagentur dpa nach Holczers drittem und wohl letztem Auftritt vor Gericht am Dienstag. „Die Widersprüche in seinen Aussagen kann man nicht übersehen, wenn man sich mit der Materie jetzt beschäftigt.“ Vier Verhandlungstage hat das Gericht um den Vorsitzenden Richter Martin Friedrich noch, um die Kernfrage zu klären. Hat Schumacher seinen Ex-Boss Holczer um Gehalt in Höhe von 151.463,50 Euro betrogen, weil er am 17. Juli 2008 bei der Tour de France behauptet hatte, er dope nicht? Oder wusste Holczer unabhängig von dem Gespräch ohnehin Bescheid und konnte daher gar nicht hintergangen werden? Schon allein die Erinnerungen an die Unterredung im Mannschafshotel bei der Frankreich-Rundfahrt gehen auseinander.

Schumacher hatte ausgesagt, die Befragung durch Holczer, Teamarzt Mark Schmidt und den Sportlichen Leiter Christian Henn habe etwa zehn Minuten gedauert. Holczer spricht von knapp einer Stunde. Henn wiederum sagte am dritten Verhandlungstag: „Eine Stunde? Nein das glaube ich nicht“. Es seien eher zehn Minuten gewesen.
Einig sind sich Henn und Holczer dagegen, dass sie vor jenem 17. Juli, als der Italiener Riccardo Riccò wegen Manipulation mit dem Blutdopingmittel CERA bei der Tour erwischt wurde, nie von der bis dato angeblich nicht nachweisbaren Epo-Variante gehört haben wollen.

Der 31 Jahre alte Schumacher hält dagegen: Schon vor der Tour sei die Mannschaft von der Teamleitung auf Grundlage einer anonymen E-Mail über die Nachweisbarkeit von CERA informiert worden. Schumachers Verteidiger Michael Lehner und Dieter Rössner stützen diese Version durch eine Aussage von Arzt Schmidt, der über den Zeitpunkt der Informationsweitergabe in einer E-Mail an Lehner schreibt: „Es war vor dem ersten Renntag im Teamhotel, somit der Mittwoch, Donnerstag, oder Freitag vor dem Start der Tour de France.“ Vor Gericht will Schmidt nicht aussagen. Lehner brachte die Option ins Spiel, dass Schmidt nur zu diesem Komplex befragt werden soll.

Von Holczer gab es kaum Neues. Er blieb bei seiner Behauptung, sich im Team klar erkennbar gegen Doping ausgesprochen zu haben - wohl auch, weil es Schumachers Verteidigung nicht gelang, den rhetorisch gewandten und mit einem blauen Aktenordner bewaffneten Lehrer aus der Reserve zu locken. Man hoffe aber darauf, dass das Gericht die Widersprüche erkenne und entsprechend bewerte, meinte Lehner nach der Verhandlung.
Schumacher, der sich nach eigenen Angaben die lange Verhandlung gegen ein Schuldeingeständnis und die Zahlung von 10.000 bis 15.000 Euro hätte ersparen können, drückte es mit Blick auf die 150.000 Euro etwas drastischer aus: „Wenn das jetzt schief geht, dann bin ich am Arsch.“ (dpa)

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