Doping und Gewalt : Nichts mehr unter Kontrolle

Wenn Jugendliche ansatzlos ausrasten und zuschlagen, muss das nicht aus reinem Frust geschehen. Auch Dopingmissbrauch kann eine Rolle spielen.

Frank Bachner

Berlin - Die Oberarme sind schon ganz in Ordnung. Fast 40 Zentimeter Bizeps, das sieht nach etwas aus. Aber die Schultern könnten breiter sein. Die Schultern waren das erste Problem des 18-Jährigen. Das zweite war verhängnisvoller. „Ich bekomme meine Aggressivität nicht in den Griff.“ Deshalb hatte er angerufen, deshalb wollte er von Jörg Börjesson wissen, wie man das schafft: einerseits Anabolikapillen schlucken, seinen Körper mit Dopingmitteln aufpumpen und trotzdem nicht gleich auszurasten. Auf dem Schulhof, das erzählte er noch stolz, „bin ich der King. Da kommt mir keiner.“ Nur diese ständigen Schlägereien, dieser Ärger mit der Polizei, das sei jetzt ziemlich lästig.

Börjesson kannte den 18-Jährigen, er hatte ihn bei seinem Vortrag gesehen, in dieser Schule in Bensheim, in Südhessen. Börjesson, das frühere Doping-Opfer, der frühere Bodybuilder, hatte dort mal wieder über die Gefahren von Doping aufgeklärt, er hatte von den brutalen Nebenwirkungen geredet. Ihm selber sind Brüste gewachsen. Damals, im Oktober, hatte der Junge nur zugehört, jetzt, im November 2007, rief er an.

Börjesson, der 41-Jährige aus Dorsten in Westfalen, sagte, was er immer sagt: Lass verdammt nochmal die Finger von dem Zeug. Das Zeug, Anabolika, schluckte der Jugendliche seit längerer Zeit. Er klang stolz, als er von seinen Kuren sprach. Und Börjesson kennt solche Anrufe. Er bekommt sie ständig. Wenn jetzt ganz Deutschland über Jugendgewalt redet, über Heranwachsende, die ansatzlos zuschlagen, über die jungen Männer, die Respekt über Gewalt einfordern, dann kennt er eine der Ursachen: Doping. Wer Anabolika schluckt, der pumpt sich hochdosiert Testosteron in die Blutbahnen, das männliche Geschlechtshormon. Die Muskeln wachsen, das Selbstwertgefühl auch, vor allem aber der Druck, seine Kraft abzulassen. Hochgradige Aggressivität ist eine der vielen Nebenwirkungen von Anabolika. Es gibt keine bundesweiten Zahlen über dopende Jugendliche. Aber Experten gehen davon aus, dass es sich nicht bloß um eine ganz kleine Minderheit handelt.

Börjesson hatte sie selber gespürt, die Aggressionen, er hatte sie im Fitnessstudio abgebaut, an den zentnerschweren Hantelscheiben. „Aber es gibt viele dopende Jugendliche, die sich nicht mit Sport abreagieren“, sagt er. „Die gehen dann mit ihrem inneren Druck auf Straße, das sind menschliche Zeitbomben.“ Es sind Einzelgänger, die über Muskeln ihren Selbstwert aufbauen, oder Leute, die sich in der Clique produzieren wollen. „Wenn die ernst machen, ist das der Wahnsinn", sagt Börjesson.

An Weiberfastnacht 2007 schlugen Jugendliche in Köln einen Familienvater ins Koma. Nach mehreren Faustschlägen prallte der 43-Jährige mit dem Kopf gegen die Glastür einer Telefonzelle. Börjesson kannte den Haupttäter, einen in Deutschland geborenen Türken. Er hatte ihn Wochen zuvor bei zwei Vorträgen, im Kölner Don-Bosco-Jugendklub und in einem anderen Jugendzentrum erlebt. Der Jugendliche nahm seit langem Anabolika, er handelte auch damit. Börjesson stand daneben, als er von einem Jugendlichen nach Dopingpillen gefragt wurde. Der Trainingsraum in einem der Zentren ist inzwischen geschlossen. Die Verantwortlichen stellten fest, dass dort Anabolika-Mittel kursierten.

Börjesson ist bekannt in der Szene, er klärt seit vielen Jahren auf, an Schulen, in Jugendklubs. Hunderte klicken seine Internetadresse www.doping-frei.de an. Deshalb erhält er auch immer wieder diese Anrufe. Hilferufe von Leuten, die weg vom Doping wollen, oder von Muskelpaketen, die nur wissen wollen, wie man ohne Nebenwirkungen durch die Kuren kommt. Einer, der Hilfe brauchte, war ein Hooligan. „Ich habe Probleme mit meinen Aggressionen", sagte er zu Börjesson. „Alle meine Kumpel nehmen Anabolika.“ Jetzt wolle er aussteigen.

Auch ein Türsteher, etwa 20 Jahre alt, rief bei Börjesson an. Auch er hatte schon mehrere Anabolika-Kuren hinter sich, auch er klagte über seine „ausufernden Aggressionen“. Ein gewisses Maß an Aggression, das fand er ja noch ok, schließlich sei er Türsteher, aber bitte nicht zu viel. Also: Wie dopt man, ohne auszurasten?

Viele mailen Börjesson auch. Ein „Thomas“ schrieb: „Viele meiner Freunde haben gesagt, ich hätte mich verändert. Ich bin sehr aggressiv geworden und habe viel mit Schlägereien zu tun.“ Er will weg vom Doping, er schaffe es aber noch nicht. Auch „Tommi“ sandte einen Hilferuf. „Bin aggressiv geworden. Voll gereizt. Hab tierisch Angst davor, dass es schlimmer wird. Ist eigentlich schon schlimm genug." Drei Ausrufezeichen. „Bettina“, Freundin eines dopenden Bodybuilders, schrieb: „ER ist ab und zu total aggressiv. Was mich voll nervt.“

Schlimmer kam es für „Sophie“. Die fand bei ihrem Freund „kleine Ampullen, wo irgendwas mit Steroiden draufstand“. Sie wollte von ihm wissen, was das bedeute, sie kannte sich damit nicht aus. Die Antwort war brutal: „Er hat mich erst angelogen, dann wurde er sehr wild und schlug mich.“

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