Sport : Doping-Verdacht: Eindeutig anomal

Werner Raith

Dass es die Italiener im Sport nicht immer so genau nehmen, ist nicht ganz unbekannt. Bei internationalen Reitwettbewerben im eigenen Land starten schon mal deutlich mehr Reiter als zugelassen (natürlich nur versehentlich), Ferrari schummelt um ein paar Millimeter beim Schutzblech seiner Formel-1-Autos und ein eher durchschnittlicher Weitspringer bringt es durch eine "schiefe Messung" zu Weltmeisterschaftsehren. Nun haben die Italiener in Sydney so viele Goldmedaillen eingeheimst, dass sie bis wenige Tage vor Schluss noch auf den fünften Rang in der Medaillenwertung hoffen konnten - da holt sie nun der wohl schlimmste aller Verdächte ein: Haben die Verantwortlichen des Nationalen Olympischen Komitees (CONI) reihenweise Sportler nach Australien geschickt, deren Analysen noch wenige Wochen zuvor die massive Einnahme verbotener Muskelwachstumsmittel ausgewiesen haben?

Am Wochenende hat der "Corriere della sera" zum Entsetzen der Sportfunktionäre enthüllt: Von den in Italien vor den Spielen durchgeführten 415 Kontrollen bei Männern und 123 bei Frauen haben sich 61 Fälle als "eindeutig anomal" (wie der offizielle Euphemismus für den Nachweis unzulässiger "Nachhilfen" heißt) erwiesen. 25 bei den Männern, 36 bei den Frauen, und immerhin noch weitere 50 als "an der Grenze zum Verbotenen". Tatsache ist aber auch, dass bei den Kontrollen in Sydney keine "Anomalien" mehr auftraten - Zeichen, dass man da wohl mit Hormonen nachgeholfen hatte, deren Spuren nach einiger Zeit nicht mehr nachweisbar sind. Fünf Goldmedaillengewinner sind unter den "Anomalien", darunter Josefa Idem (Kanu) - die noch wenige Wochen vor den Spielen einen gleich 34 mal höheren Wert aufwies als den erlaubten - und der Schwimmer Massimiliano Rosolino (200 Meter Lagen), mit einem 17-fach höheren Wert.

Schwer infrage gestellt ist damit die von Italien zum "unerreichten Modell für die ganze Welt" verklärte Antidoping-Kampagne des CONI, die mit dem Slogan "Ich gefährde doch nicht meine Gesundheit!" angetreten war und sich nun nachsagen lassen muss, die nach gesicherten Erkenntnissen riesigen Gefahren bis hin zur Diabetes, zum Krebs und zum Herzinfarkt belastete Hormonbehandlung nicht angezeigt zu haben.

Dabei waren die Erkenntnisse über die erhöhten Hormonwerte von der Antidoping-Kommission des CONI bereits Anfang September in einem 90-seitigen Bericht zusammengefasst und dem Komitee übergeben worden - Zeit genug also, die gefährdeten Athleten noch zurückzuziehen. Aber nichts geschah - und nun versucht das CONI, den Skandal seit Wochen unter der Decke zu halten. Vielleicht wäre das sogar gelungen, hätte nicht ein aufmerksamer Staatsanwalt Wind von den Untersuchungen erhalten und das gesamte Material beschlagnahmt.

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