Doping : Verfolgt vom Phantom

Er ist Amerikas berühmtester Dopingfahnder – jetzt jagt Jeff Novitzky den Radsport-Star Lance Armstrong.

Tom Mustroph
Nichts zu lachen. Lance Armstrong sind die Dopingfahnder auf der Spur. Foto: dpa
Nichts zu lachen. Lance Armstrong sind die Dopingfahnder auf der Spur. Foto: dpaFoto: IMAGO

Jeff Novitzky ist ein lebender Mythos. Er ist 1,98 Meter groß, trägt Glatze und macht aus seinem Privatleben ein Geheimnis. Wie seine Stimme klingt, wissen neben seiner Frau und seinen drei Kindern nur Polizeibeamte, Justizangestellte, ein paar Gerichtsreporter – und die Dopingsünder, die in den Vernehmungen mit Novitzky zusammenbrachen und über ihren Sportbetrug auspackten.

Seine Trophäenliste ist lang und ansehnlich. Die zuerst hartnäckig leugnende Sprintolympiasiegerin Marion Jones gestand Novitzky gegenüber Doping ein. Kirk Radomski, ein stabil gebauter Baseballspieler der New York Mets, ebenso.

Nun könnte ein weiterer prominenter Name auf Novitzkys Liste dazukommen: Lance Armstrong. Dem siebenmaligen Tour-de-France-Sieger droht Ungemach, wenn Novitzky der Nachweis gelingt, dass mit den Steuergeldern, die der damals staatliche Postdienst US Postal Service dem gleichnamigen Radsportteam von Armstrong zur Verfügung stellte, Dopingmittel eingekauft wurden. Das wäre dann Betrug mit öffentlichen Geldern. Und darauf steht eine Gefängnisstrafe. Dieses Szenario macht die Auseinandersetzung zwischen Armstrong und Novitzky zu einem Räuber- und Gendarm-Spiel von größtem öffentlichen Interesse. Die Rollen dabei sind klar verteilt: Lance Armstrong, der einst als „Everybody's Darling“ gefeiert wurde, ist nun der „Bad Guy“. Er steht schon länger unter dem Verdacht, sich seine vielen Siege mit medizinischen Hilfsmitteln erschlichen zu haben.

Wer ist aber Jeff Novitzky? Von Leuten, die von seiner Arbeit angetan sind, wird der 43-jährige Kalifornier mit Eliot Ness verglichen. Ness war jener gutaussehende Finanzbeamte der Prohibitionszeit, der sich an die Fersen Al Capones heftete.

Die Anwälte der überführten Sportstars zweifeln dagegen an dem Wirken Novitzkys – allein weil es ihr Beruf ist. Fachlich gesehen gibt es wenig zu beanstanden. Novitzkys Ergebnisse fundieren auf festen Beweisen. Wie im Falle von Kirk Radomski. Der gab zu, für seinen Klub Geld gewaschen und für Dutzende Baseballprofis der gesamten Liga Dopingprodukte besorgt zu haben. Im 409 Seiten starken sogenannten Mitchell-Report wurden diese Zusammenhänge 2007 dem US-Senat zur Kenntnis gebracht. Fast zeitgleich brachte Novitzky das Doping-Labor Balco zur Strecke. Es stellte sowohl für die Baseballstars der Major League Baseball (MLB) als auch für die US-Leichtathleten Designerdopingmittel her. „Novitzky ist einer unserer Pioniere bei dem Versuch, mit einer Sache aufzuräumen, die sich wie ein Krebsgeschwür in der Welt des Sports ausgebreitet hat“, lobte der frühere Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der USA (USOC), Peter Ueberroth, den Ermittler.

Von Novitzky ist bekannt, dass er von 1993 bis 2008 für die US-Steuerbehörde IRS tätig war. Ab 2001 widmete er sich den Vergehen von Pharmahandel und Doping. Seit 2008 ist Novitzky bei der Lebensmittelüberwachung und Arzneimittelzulassungbehörde FDA angestellt. Nachdem Novitzky einen Tipp erhalten hatte, durchstöberte er den Müll des Balco-Laboratoriums, das nur ungefähr eine Meile von seinem eigenen Haus entfernt war. Dies stellte den Beginn seiner eigentlichen Karriere dar. Bemerkenswert ist, dass er sie – bislang zumindest – nicht publizistisch ausschlachtete. Er vermeidet es, fotografiert zu werden und macht sich rar wie ein Phantom. Mit Hinweis auf den konspirativen Charakter seiner Tätigkeit bat er die New York Times, kein Foto von ihm zu veröffentlichen. „Dies würde meine Arbeit als Agent erschweren“, schrieb er.

Seine Erfolge verdankt Novitzky akribischer Arbeit. Er hat sich derart schnell das medizinische Fachwissen im Dopingbereich angeeignet, dass er den Eindruck erweckt, Medizin studiert zu haben. Novitzkys größter Trumpf ist aber seine Fähigkeit, das Vertrauen der Beteiligten zu gewinnen. Regelmäßig bringt er sie dazu, mit ihm zusammenzuarbeiten. So ist es auch im Fall Armstrong: Der Sportartikel-Hersteller Nike und die Fahrrad-Manufaktur Trek, zwei der wichtigsten Armstrong-Sponsoren, haben angekündigt, bei der Aufklärung mithelfen zu wollen.

Lance Armstrong ist nicht Al Capone. Doch wenn Novitzky auch in diesem Falle erfolgreich ist, dann hat er sich den Ruf als ein neuer Eliot Ness redlich verdient.

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