Sport : Doping: Wer nicht dopt, wird im Pool nass gemacht

Helmut Schümann

Im kleinen Kreis wurde Armin Baumert dieser Tage schon mal deftig. "Eure Mädels", bedeutete der Leistungssportdirektor im Deutschen Sport-Bund einer Abordnung der deutschen Schwimmer, "eure Mädels sind einfach zu fett." Womit er möglicherweise den Ton mancher Boulevard-Meinung in der Heimat traf - so titelte die Berliner "B. Z.": "Franzi van Speck - Als Molch holt man kein Gold". Für eine Analyse des schlechten Abschneidens der Schwimmer in Sydney sprang Baumert allerdings etwas kurz. Das fiel aber nicht weiter auf, weil die Antworten auf die Frage, warum die deutschen Schwimmer näher am Ertrinken als an den Medaillenrängen sind, ebenso simpel geraten. Gar nicht mehr unverhohlen wird in der Führungsspitze des Olympiateams der Austausch des Trainerstabes diskutiert.

Das dürfte nichts nützen. Angesichts der Ereignisse im Aquatic Center von Sydney könnte eine massive Dopingdiskussion ertragreicher sein. Bis Mittwoch wurden in Sydney elf Weltrekorde gebrochen. Eine Quote, die nicht einmal in den achtziger Jahren, der heißesten Phase des DDR-Dopings, erreicht wurde. Die vom IOC freudestrahlend verkündete Kontrolle auf Erythropoietin (EPO) ist nichts weiter als Täuschung. Die Karawane ist längst weitergezogen und bedient sich anderer, noch nicht nachweisbarer Mittel. Ohne diese kommen Siegeswillige nicht mehr aus, wie Michael Lohberg, ehemals in Bonn tätiger heutiger Trainer zweier brasilianischer Schwimmer, erkannt hat: "Es ist hier unmöglich, sauber zu sein und Gold zu gewinnen." Wer nicht mitmacht, kann am Strand reüssieren. Im Pool von Sydney wird er nass gemacht.

Die Belege sind zahlreich, ihre Beweiskraft ist gering. Zumal die Schweigemauer massiv ist. "Wir werden", sagt ein Mitglied des DSV-Trosses, "energisch vom Verband und vom NOK unter Druck gesetzt, zu Doping zu schweigen." Die pharmazeutischen Hilfsmaßnahmen sind für manchen auch so augenscheinlich. Mark Warnecke, Essener Brustschwimmer und einer der wenigen, die dennoch reden, hat Erstaunliches beobachtet. "Ich stehe auf dem Startblock und sehe einen Schwimmer, der mir mit seinen 80 Kilo schon körperlich unterlegen ist. Ein halbes Jahr später sehe ich ihn wieder. Er hat 100 Kilo drauf und kein Gramm Fett. Wunder gibt es nicht." Dem "Spiegel" hat er mit Hilfe seiner Spezialstrecke 100 Meter Brust noch eine weitere Argumentationskette angeboten: "Ich halte den Weltrekord auf dieser Strecke, ich bin also nicht untalentiert. Aber um mich vier Sekunden zu verbessern, habe ich zehn Jahre gebraucht."

Die Schwimmer von Sydney brauchen für solche Leistungssprünge mitunter nur einen Tag. Als Domenico Fioravanti in Sydney ankam, stand eine Bestzeit über 200 Meter Brust von 2:14,87 Minuten zu Buche. Am Dienstag schwamm er im Halbfinale 2:12,37. Gestern holte er sich die Goldmedaille. Die Zeit: 2:10,87, die vier Sekunden waren wettgemacht. Kollege Davide Rummolo mochte nicht nachstehen. Vor einem halben Jahr noch rangierte er auf Platz 23 der Weltrangliste, gestern holte er sich die Bronzemedaille. Ähnlich sprunghaft kletterte die Holländerin Inge de Bruijn an die Weltspitze. Seitdem wird sie im Athletenkreis Ingo gerufen - ihre langen blonden Haare kontern nur mühselig einen männlichen und muskulösen Körperbau. Ingo ist nicht allein in den Niederlanden. Pieter van den Hoogenband kraulte in Sydney die 100 und 200 Meter Freistil in Weltrekordzeit, mit der 4 x 200 Meter-Staffel holte er zusätzlich Bronze. Plötzlich zählt das kleine Holland zu den führenden Kräften im Schwimmsport. Frankreich hingegen, stets gut vertreten auf den Treppchen der Welt, schaut nur noch zu, wenn andere siegen. Mit einer simplen Erklärung: In Frankreich wurde vor zwei Jahren Doping zur Staatssache erklärt. Seitdem kontrolliert sich der Sport nicht mehr selbst, sondern wird von öffentlichen Behörden, sprich der Polizei, durchleuchtet. Und wen die Flics erwischen, dem droht Gefängnis.

In Italien sieht man die Sache nicht so eng. Zwar hat die Regierung unlängst auch einen Sportbetrugsparagrafen ins bürgerliche Gesetzbuch aufgenommen, hat aber gleichzeitig für einen Olympiasieg 200 000 Mark ausgelobt. Wer so viel Geld auszugeben bereit ist, guckt dann vielleicht doch nicht so genau hin. Zusammen mit Australiern und den Niederländern unterbieten die Italiener scheinbar mühelos Zeiten, die in den neunziger Jahren von Athleten aus dem Reich der Mittel, von Chinesen, aufgestellt wurden. Die schwimmen nun ihrerseits eher bleiern, die Planungen für Olympia 2008 in Peking erlauben keinen Schmutz.

Bis ins Detail geht die Analyse der Skeptiker. Verwundert registrierten die deutschen Trainer zum Beispiel eine Zwischenzeit von Ian Thorpe. Australiens derzeit liebstes Wunderkind war auf seinem 400-Meter-Rennen zum Gold bei der Hälfte eine Sekunde schneller als Stefan Herbst, der derzeit schnellste deutsche Krauler über 200 Meter. Und dass Thorpe und Kollegen mit wirbelnden Beinen einen Außenbordmotor selbst auf langen Distanzen simulieren können, wird als zumindest sehr, sehr neue Errungenschaft vermerkt. "Sechs Beinschläge auf zwei Armzüge, das war vor zwei, drei Jahren allenfalls über 100 Meter möglich", sagt Manfred Thiesmann, Cheftrainer der deutschen Männer.

Und doch hält bei allen Hinweisen ein Großteil der Berichterstatter am hehren Ideal vom talentierten Sportler fest, dem moderne Technik hilft oder der von der Natur begünstigt ist. In stiller Andacht publizierte "Bild" den Fußabdruck von Thorpe und erklärte im Text die angeblich erblich bedingte enorme Größe von 51: "Die Füße sind Familien-Sache. Mutter Margaret, eine Lehrerin, hat 45. Vater Greg, Landschafts-Gärtner, 47." Dass die Modedroge HGH (Human Growth Hormon) die Gliedmaßen auch bei erwachsenen Menschen wachsen lässt, erst recht bei einem 17-Jährigen wie Thorpe, fand keine Erwähnung. Und zwei österreichische Journalisten, ansonsten wohl eher der Bergwelt zugetan, befanden voller Andacht: "Das Becken ist genial, so wie es gebaut ist, lässt es die Strecken kürzer aussehen. Deswegen schwimmen die so schnell."

Dann haben die Deutschen offensichtlich nicht richtig hingeschaut. Ihnen bereiten die Wasser von Sydney allenfalls hohen Seegang. Alles nur, weil das deutsche Kontrollsystem so rigoros ist und die internationale Konkurrenzfähigkeit nicht mehr zulässt? Vielleicht auch das. Im internen Trainerkreis, so ist aus dem Lager zu hören, wird aber schon - wenn auch noch leise - ein anderes Phänomen diskutiert. Im Vergleich zu den Deutschen Meisterschaften im Juni brauchten die deutschen Schwimmerinnen im Pool von Olympia fast durchweg ein bis zwei Sekunden mehr für ihre Strecken. Dirk Lange, Trainer der restlos enttäuschenden Sandra Völker, weiß, warum: "Ich habe trainingsmethodische Fehler gemacht." Ähnlich äußern sich die Kollegen. Der bereits erwähnte europäische Coach vermutet einen anderen Zusammenhang: "Ein paar Länder hinken in der Dopingforschung hinterher." Konservativ sei dort die Haltung, man sei noch auf EPO. "Und dann hat zwei Wochen vor Beginn der Spiele das IOC verkündet, in Sydney auf EPO zu testen. Das hat manche Planung über den Haufen geworfen."

Trainer Lohberg hat aufgegeben und angekündigt, dass er Schluss machen wird mit dem Leistungssport. Auch Manfred Thiesmann lässt resignative Tendenzen erkennen. "Nach den Ergebnissen hier müsste jetzt bald eine Freigabe-Diskussion kommen." Dann müsste sich auch der deutsche Sport entscheiden, ob er sauber hinterherschwimmen will oder ob er die Niederlage im Kampf gegen Doping eingesteht.

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