Christof Dame, Forscher : "Jetzt haben wir die erste Epo-Gen-Variante im Leistungssport"

Forscher Christof Dame über sein Gutachten im Fall der wegen verdächtiger Blutwerte gesperrten Claudia Pechstein.

Friedhard Teuffel
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Foto: promo

Herr Dame, Ihr medizinisches Gutachten soll die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein vom Dopingvorwurf freisprechen. So erhofft sie es sich zumindest. Am 5. November soll das Urteil kommen. Entlastet Ihr Gutachten Claudia Pechstein?



Ob und wie der Internationale Sportgerichtshof meinen Befund bewertet, weiß ich nicht. Da lasse ich mich überraschen. Die molekular-genetische Diagnostik wird über die Bundespolizei, den Dienstherrn von Frau Pechstein, abgerechnet; es ist ein ärztlicher Befund. Ich habe eine klare Fragestellung bekommen und sie streng wissenschaftlich bearbeitet.

Sie haben in Ihrem Gutachten eine zweifache Mutation ihres Epo-Gens festgestellt. Was bedeutet das?

Ich nenne es eine Variante ihres Epo-Gens, denn es verbirgt sich dahinter keine Krankheit. An zwei genregulierenden Stellen habe ich Varianten gefunden, die so wirken können, dass der Schalter zur körpereigenen Produktion von Erythropoietin leichter umgelegt werden kann. Diese Varianten sind von Vater und Mutter zu gleichen Teilen vererbt.

Kann das die Erklärung für die erhöhten Retikulozytenwerte sein, deretwegen Pechstein gesperrt worden ist?

Alle Daten sprechen dafür, dass es unter bestimmten Bedingungen, etwa starker Belastung, zu erhöhter Epo-Produktion und damit zu erhöhten Retikulozyten kommt. Die experimentelle Beweisführung ist aber noch unvollständig

Wie könnte Claudia Pechstein diesen Beweis erbringen?

Dass es überhaupt Varianten im Epo-Gen gibt, weiß man erst seit 2008. Und jetzt haben wir bei Frau Pechstein den ersten Fall einer Epo-Gen-Variante im Leistungssport. Wir können also noch nichts darüber sagen, wie verbreitet die Variante bei gesunden Erwachsenen und bei Sportlern in Ausdauerdisziplinen ist. Das erfordert gezielte Untersuchungen. Um die Epo- Gen-Variante abschließend zu charakterisieren, braucht man experimentelle Modelle, die sehr kompliziert sind. Man müsste zwei Jahre forschen und einen knapp sechsstelligen Betrag aufwenden.

Den Einzelfall zu betrachten hilft Claudia Pechstein also nicht?

Die Epo-Gen-Variante ist bewiesen. Aber wir hätten auch keine besseren Daten, wenn wir sie noch ein paar Wochen länger beobachten würden.

Können Sie auf der Grundlage Ihrer Studie Doping ausschließen?

Die Frage nach Doping ist mir nie gestellt worden. Sie können meinen Befund nicht nehmen, um Blutdoping auszuschließen, sondern nur um die Hinweise auf eine Blut-Anomalie zu untermauern.


Christof Dame, 42, ist Professor und Oberarzt für Pädiatrie mit Schwerpunkt Neonatologie an der Charité und forscht seit vielen Jahren über das Epo-Gen.

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