Comeback : Tour mit Kindersitz

Ivan Basso sollte Lance Armstrong beerben, dann stolperte er über die Fuentes-Affäre - nun trainiert er fürs Comeback. Schon 2006 durfte er bei der Tour nicht starten.

Vincenzo Delle Donne
Basso
Prominenter Zuschauer. Ivan Basso durfte schon 2006 die Tour nicht mitfahren. -Foto: dpa

Cassano MagnagoDie Welt scheint an diesem frühen Morgen für Ivan Basso noch in Ordnung zu sein. Während der gesamte Radsport von immer neuen Dopinglawinen überrollt wird, radelt der 29-Jährige ausgelassen seinen kleinen Sohn Santiago im Kindersitz spazieren. Es ist kurz vor neun, als er in Cassano Magnago, einem Örtchen bei Mailand, in die Via Don Orione einbiegt, an deren Ende sein Wohnhaus liegt. Bassos Ehefrau kümmert sich derweil um Tochter Domitilla. Kurze Zeit später bringt sie die Kinder in den Kindergarten. Wie an jedem Arbeitstag fährt sie anschließend in ihren Schönheitssalon ins nahe Städtchen Gallarate, den sie mit ihrem Bruder betreibt. Basso schlüpft dann in seine Rennmontur und beginnt seinen Arbeitstag. Er strampelt rund 80 Kilometer ab. Am Pensum hat sich nichts geändert, obwohl er bis Oktober 2008 gesperrt ist. „Ich werde wieder Rennen fahren.“ Er steht an einer Pizzeria und plaudert.

Die jüngsten, wirren Entwicklungen im Radsport verfolgt Basso aufmerksam. Giro-Sieger Danilo Di Luca und Eddy Mazzoleni, der mit Bassos Schwester Elisa liiert ist, müssen sich in dieser Woche vor der nationalen Anti-Doping-Kommission erklären. Der Sprintstar Alessandro Petacchi hatte gestern seine Anhörung. Es ist nur der Anfang einer Massenanhörung, die der Dopingermittler des italienischen Olympischen Komitees (Coni), Ettore Torri, im Juli zu bewältigen hat.

Petacchi hat seinen hohen Salbutamol-Wert, der auf Doping hinweist, am Montag „wissenschaftlich erklärt“ und seine Unschuld beteuert (siehe Text rechts oben). Danilo Di Luca muss zu einem 572 Seiten starken Dossier mit belastendem Material Stellung beziehen, unter anderem zu abgehörten Telefongespräche und Videos des Liquigas-Fahrers mit dem Dopingarzt Santuccione, der als Kassenarzt arbeitet. Eddy Mazzoleni, der beim Giro den dritten Platz belegte, gehörte ebenfalls zu Santucciones „Patienten“. Seine Tour-de-France-Teilnahme hat Mazzoleni bereits abgesagt. Zu erdrückend ist die Beweislage.

„Es ist alles absurd“, entrüstet sich Elisa Basso. „Wie kann man ihn für etwas bestrafen, das schon drei Jahre zurückliegt?“, fragt sie, als sie die Metzgerei ihres Vaters verlässt und in ihr Porsche-Cabrio steigt. Manchmal übernahm sie für ihren Freund Kurierdienste oder orderte Wachstumshormon. Wie sich ihr Bruder Ivan fühle? „Wie soll man sich schon fühlen, wenn man um zwei Giro- und drei Tour-Teilnahmen gebracht wird?“ fragt sie. Kein Wort davon, dass Ivan selbst ein zehnseitiges Geständnis ablegte.

3,5 Liter Blutkonserven wurden unter dem Stichwort „Birillo“ beim spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes gefunden. Birillo heißt übrigens Bassos Hund. Diese Art von Decknamen war gängige Praxis. Jaksches Deckname war „Bella“. So hieß seine Labradorhündin.

Bassos Absicht, in der Dopingaffäre Fuentes, in die auch Jan Ullrich verwickelt ist, als Kronzeuge aufzutreten, währte indes kurz. Schon bald machte er einen Rückzieher. Über die Gründe ist seitdem viel spekuliert worden. Jetzt ist klar, dass er fürchtete, keine Mannschaft mehr zu finden. „Verräter“ laufen nämlich Gefahr, auf eine schwarze Liste zu kommen. Basso aber will weiterfahren.

Ivan Basso kann nicht so einfach etwas aus der Fassung bringen. Seit seiner Suspendierung vor einem Jahr vor der Tour de France hat er nur Tiefen erlebt, aber er wirkt nicht niedergeschlagen. Sein Anwalt Massimo Martelli hat ihm vorerst geraten, abzutauchen und keine Interviews zu geben. Doch ein paar Worte lässt er sich gleichwohl entlocken.

Ob es schon Offerten von Teams gebe? Es hätten schon etliche Teamchefs angefragt, ob er nach Ablauf seiner Sperre für sie fahren wolle, sagt er. Natürlich könne er aber keine Namen nennen. Gute Kontakte unterhält er weiterhin mit dem amerikanischen Rennstall Discovery Channel, der Basso trotz seiner Dopingverstrickungen verpflichtete. Den lukrativen Vertrag hatte er selbst kurz vor dem Start des Giro d’Italia aufgelöst, als die Beweislage ihn erdrückte. Mit dem Team von Lance Armstrong hatte Basso die Saisonvorbereitung und drei kleinere Rennen bestritten. Basso schätzt noch heute eine besondere menschliche Geste Armstrongs. Bassos Mutter erkrankte vor zwei Jahren schwer an Leberkrebs. Die Lage schien hoffnungslos. Sie wurde in eine Spezialklinik nach Pisa gebracht, aber ohne sonderlichen Erfolg. Als Lance Armstrong, der selbst ein Hodenkrebsleiden überstanden hatte, davon erfuhr, schickte er Basso einen amerikanischen Leberkrebsspezialisten, der sich seiner Mutter annahm. Doch auch seine Therapie konnte gegen die Krankheit wenig ausrichten. Bassos Mutter starb kurze Zeit später im Alter von 49 Jahren. „Er hat Armstrong das nie vergessen“, sagt der frühere Radprofi Mario Lanzafame. Lanzafame gehört zu den wenigen Freunden Bassos in Cassano Magnago. Sportlich sah übrigens Lance Armstrong in Ivan Basso seinen würdigen Nachfolger. Bis es soweit ist, muss Basso nur noch seine Sperre absitzen.

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