Das vergessene Thema Doping : Dahinter steckt System

Fabriken für Hormone, Spritzen in Sportschulen und die ständige Angst vor Aufklärung – Chinas Sport hat sich selbst abhängig gemacht.

Ines Geipel

Frau Ai hat einen Straßenstand in einem Vorort von Peking. Sie verkauft Obst, Getränke, chinesische Snacks. Wenn der Job es ihr erlaubt, versucht sie zu sitzen. Sie kann kaum stehen. Ihre Bewegungen wirken schwerfällig. Man sieht, dass der Frau Mitte 30 jeder Schritt Schmerzen bereitet. Das kommt, weil ihre Füße ungemein verformt sind. Dabei hat sie ihren Füßen viel zu verdanken.

Weltweit hat Frau Ai Marathon um Marathon gewonnen, war Weltmeisterin und hat 16 internationale Goldmedaillen geholt. Um die Jahrtausendwende gehörte sie zum schnellen Team von Wang Dexian, einem Trainer, der mit seinen Methoden Furore machte. Einer seiner Weltstars, die durch Doping aufgefallene Langläuferin Sun Yingjie, berichtete 2006 einem chinesischen Fernsehsender: „Er hat mich geschlagen. Mein Rücken war übersät mit Blutergüssen. Ich konnte manchmal meine Kleidung nicht mehr allein wechseln.“ Unerhört offene Sätze für die ansonsten still lächelnden chinesischen Athletinnen.

Auch im Falle von Frau Ai staunte man zunächst, als sie Wang Dexian 2006 gerichtlich beschuldigte, die ihr zustehenden Wettkampfprämien von etwa 201000 Euro veruntreut zu haben. Doch auch bei ihr obsiegten Angst und Loyalität. Sie schloss mit dem Sportverein, bei dem Herr Wang arbeitete, einen außergerichtlichen Vergleich, über dessen Höhe nichts bekannt wurde. Sonderlich hoch kann die Summe nicht gewesen sein, denn von Frau Ai weiß man, dass sie schon zum zweiten Mal versucht, ihre 16 Goldmedaillen für je 100 Dollar zu verkaufen, um sich und ihre zweijährige Tochter durchzubringen. In ihrem Blog begründete sie den Vergleich: „Meine Freunde haben mich darauf hingewiesen, dass bald die Olympischen Spiele in China stattfinden. Je länger mein Fall offen bleibt, desto größer ist der Imageschaden für unser Land.“

Dass die dunklen Flecken der chinesischen Sportdiktatur nicht zutage treten, insbesondere nicht vor den Pekinger Spielen, dafür sorgen Partei und Geheimdienst, chinesische Sportoffizielle im Verbund mit der antrainierten Angst der Athleten und nicht zuletzt die Internationale des Sports, die mantraartig und mittels allwöchentlich gleichlautender Presseerklärungen allerlei Verbesserungen in Aussicht stellen. Dabei ist die Dopingbilanz des chinesischen Sports ein Desaster. Enorm viel ist investiert worden, um das Problem loszuwerden. Für die Offiziellen wäre es eine Katastrophe, wenn die eigene Mannschaft in Peking mit nur einem positiven Dopingfall auffällig würde.

Parallel zu ihrem Aufbruch als Wirtschaftsnation kehrte die Volksrepublik China 1984 in Los Angeles in die olympische Gemeinschaft zurück. Damit rückte schlagartig besagtes Problem in den Blick: Doping. Dessen spektakulärster Mediator und Agent dürfte der so erfolgreiche wie umstrittene Wundertrainer Ma Junren gewesen sein: Volksarmist, Gemüsebauer, Tierzüchter und Sportlehrer in einem. Bald sprach man von der „Armee des Trainers Ma“. Sein Erfolgsrezept: 1. Man nehme Mädchen aus der ländlichen Bevölkerung, die laut Ma „ein hartes Leben gewöhnt“ sind. 2. Man scheuche seine Schützlinge über aberwitzige Distanzen. Das Training bestand aus einem täglichen Marathon und häufigen Aufenthalten in der Höhe. 3. Man führe ein paternalistisches Regime aus Drill, Angst und Gewalt. 4. Man erzähle in den Medien unentwegt von exotischen Raupenpilzen, Hunderagout und warmem Schildkrötenblut, das die Mädchen verabreicht bekämen, dope sie derweil aber systematisch mit Epo, dem seinerzeit nicht nachweisbaren Stoff. Wang Junxia, Qu Junxia, Liu Dong, Jian Po – und einige mehr aus Mas Truppe – wurden von ihrem Trainer wie Sklavinnen gehalten, sie wurden von ihm geschlagen, durften keinen Freund haben. Doch sie liefen. 1993 wurde für Mas Armada zum Superjahr. Die oft als Roboterfrauen beschriebenen Läuferinnen heimsten Siege und Weltrekorde in Serie ein. Die „Armee des Trainers Ma“ stieg zum Stolz der Nation auf.

Als 1994 bei den Asienspielen unerwartet Dopingkontrolleure aufkreuzten, brachen die Leistungen seiner zehn Läuferinnen jedoch ein. Die Erklärung von Trainer Ma erstaunte: „Alle wurden vor kurzem am Blinddarm operiert.“ Die vermeintliche Kollektivoperation verhinderte zwar, dass seine Frauen aufflogen – sie liefen unauffällig hinterher und so an den Kontrollen vorbei –, doch es begannen Absetzbewegungen aus Mas Armee. So ließe sich seine Geschichte als Paradigmenwechsel im chinesischen Sportsystem lesen: Als Meistermacher alter Schule produzierte er rekordträchtige Nationalgüter, die das im Aufbruch befindliche China zur Stärkung des Patriotismus dringend brauchte. Doch als es nach wiederholten Dopingeklats und internationalen Berichten über Misshandlungen an chinesischen Sportschulen notgedrungen um eine Imagekorrektur gehen musste, wurde es eng für Trainer Ma aus der Provinz Liaoning.

In den sorgfältig orchestrierten Modernisierungsprozess platzte immer wieder, was der chinesische Sport loswerden wollte: das Dopingproblem. Als 1998 in Perth die Schwimmweltmeisterschaften stattfanden, wurde am Flughafen eine chinesische Schwimmerin abgefangen, mit Wachstumshormonen in der Thermosflasche. Sieben Schwimmerinnen und drei Trainer wurden wegen positiver Tests wieder nach Hause geschickt. Perth wurde zum Synonym für den Dreck in Chinas Sport und zum Fanal für eine anstehende Radikalkur. Die Sache war akut, denn internationale Verbände drohten China mit Boykott. Und China bewarb sich ja um die Olympischen Spiele.

Nachdem das IOC zwei Wochen vor Beginn der Spiele in Sydney den sogenannten „Epo-Test 2000“ eingeführt hatte, musste die chinesische Sportführung 27 Athleten und 12 Trainer wegen positiver Tests aus dem Olympiakader nehmen. Es erwies sich als gewiefter PR-Trick, unsaubere Athleten zu Hause zu lassen und das Problem gleichzeitig nicht zu kaschieren. Acht Monate vor der Vergabeentscheidung des IOC für die Spiele 2008 wollte Chinas Führung keine Fehler machen. Sie feierte Medaillen, keinen einzigen positiven Test und zeigte sich in Sydney sportdiplomatisch von der besten Seite. China bekam die Spiele im Juli 2001. Doch Chinas Dopingproblem war durch Image-Politik nicht zu entsorgen. Das System steckte in der Bredouille. Was war zu tun? Man sandte eifrige Spezialisten in die Welt und holte sich mit Hilfe stattlicher Budgets ausländische Experten ins Land – gern auch Trainer und Wissenschaftler, die sich durch eigene Dopingsozialisation ausweisen konnten. Es ging um die Durchsetzung internationaler Standards, um Maßstäbe und Transparenz. Es ging um Labore und Testverfahren und die Professionalisierung von Trainern und Athleten. Es ging, kurz gesagt, um ein brauchbares Regelwerk und die Demarkationslinie zwischen Positiv- und Negativtest.

Für die Pekinger Sportführung unterlagen Dopingfälle fortan dem Gesetz der Zahl: Es gibt im Land viele Athleten und somit zwangsläufig einzelne schwarze Schafe, hieß es. Doch es gibt Zahlen, die eine andere Geschichte erzählen: So machte im August 2006 die Sportschule Anshan in der Provinz Liaoning Schlagzeilen. Ausgerechnet die Schule, in der Ma Junren Anfang der Neunzigerjahre begonnen hatte, sein perverses Werk mit hochbegabten Mädchen in Szene zu setzen. Fahnder der Kontrollkommission des Pekinger Sportamtes stürmten laut Nachrichtenagentur Xinhua die Schule und beschlagnahmten annähernd 500 Flaschen Epo und anabole Steroide, mit denen 15- bis 18-Jährige auf einen Provinzwettkampf vorbereitet werden sollten. Bei der Durchsuchung der Schule wurden Trainer dabei ertappt, wie sie zehn Athleten gerade Injektionen setzten. Chinesische Sportjournalisten überraschte das nicht. Die Schule sei kein Einzelfall, sagten sie. Seit langem sei der massenhafte Konsum von Wachstumshormonen, Epo, Anabolika und von Myostatin-Blockern an chinesischen Sportschulen bekannt. Regelmäßig stünden Dealer vor den Schulgebäuden und böten ihre Waren feil. Vielfach fänden sich in der Nähe dieser Schulen gebrauchte Ampullen, Spritzbesteck, Tablettenschachteln.

Dass die Vorfälle nichts Einmaliges sein konnten, belegt die „Operation Raw Deal“. Bei dieser Aktion, die von der USAntidrogenbehörde ausging und an der Interpol und Behörden aus neun Ländern beteiligt waren, wurden im vergangenen Jahr 11,4 Millionen Einheiten Steroide im Gesamtwert von 50 Millionen Dollar beschlagnahmt, weltweit 124 Dealer verhaftet und 56 US-Labore geschlossen, die importiertes Rohmaterial zu Steroiden verarbeitet hatten. Die Ermittlungen ergaben, dass 99 Prozent dieser Rohmaterialien aus der Volksrepublik China stammten, und zwar von 37 Produktions- und Handelsstätten, die die Rohstoffe an die amerikanischen Labore geliefert hatten. Nach Einschätzung der Welt-Anti-Doping-Agentur bestreitet China 70 bis 80 Prozent des weltweiten Schwarzmarktes für Wachstumshormone, ein Volumen von etwa 480 Millionen Dollar. Ein rasant wachsender Markt.

Wie es um die chinesische Sportpolitik bestellt ist, könnte erhellen, was sich in diesem Jahr ereignete. Beim traditionsreichen Marathonlauf im südostchinesischen Xiamen am 5. Januar 2008 lieferte die 18-jährige Zhang Yingying ein sagenhaftes Rennen. Sie gewann die 42-Kilometer-Strecke in 2 Stunden, 22 Minuten und 38 Sekunden – Juniorenweltrekord. Ihre persönliche Bestzeit hatte sie drei Monate zuvor bei ihrem erst zweiten Lauf über die Distanz in 2:27: 20 Stunden aufgestellt. Innerhalb von drei Monaten hatte sich Zhang Yingying demnach um fast fünf Minuten verbessert, und das in einer Disziplin, die üblicherweise von Läuferinnen Anfang 30 dominiert wird. Daran könnte man zweifeln, doch die Sache ist noch vertrackter. Einen Tag nach dem Lauf schrieb eine Lokalzeitung: „Merkwürdigerweise waren die Gewinnerin des Xiamen-Laufes, Zhang Yingying, sowie die Gewinnerin des Pekinger Marathons im Oktober, Bai Xue, nicht auf der Shortlist der potenziellen Olympiateilnehmerinnen in dieser Disziplin verzeichnet.“ Ein Blog glaubte die Hintergründe zu kennen: „Obwohl Bai und Zhang vor kurzem tolle Leistungen gezeigt haben, hatten sie nicht das Vertrauen der Pekinger Sportoffiziellen, und zwar wegen ihrer Verbindungen zu Wang Dexian.“ Wang Dexian? Richtig ist, dass die beiden Olympiaanwärterinnen zurzeit bei Wang Deming, dem jüngeren Bruder des wegen Doping und Misshandlung in Verruf geratenen Wang Dexian, trainieren. Ein winziges Detail, das das Kulissenprinzip des chinesischen Sports, aber auch sein unverändertes Dilemma verdeutlicht: Da ist zum einen die Angst der Offiziellen, eine aufgrund ihres Xiamen-Sieges für die Spiele gesetzte Zhang Yingying liefe im olympischen Sommer 2008 das Rennen ihres Lebens – und gewänne. Internationalen Medien fielen nach der Pressekonferenz der pausbäckigen Marathon-Olympiasiegerin gewisse Verbindungen auf. Wang … wer noch mal? Das alte Dopingdesaster käme auf den Tisch und stoppte den weltumspannenden China-Hype. Ein Albtraum!

Da wäre zum anderen die Guanxi-Netzwerk-Kultur: eine Doppel- und Mehrfachstruktur, die ein Prinzip des Machtapparats ist, aber vor allem auch zur alltäglichen Überlebensstrategie der Chinesen gehört. Dazu sagt Jörg-Meinhard Rudolph vom Ostasieninstitut der Fachhochschule für Wirtschaft in Ludwigshafen: „Alles, was in China mit Macht und Politik zu tun hat, beruht auf persönlichen Beziehungen, funktioniert in seinen organisatorischen Strukturen als Geheimbund, als abgeschottete Organisation, wo keiner weiß, was passiert. Als Individuum haben Sie da keinerlei Rechte.“

In dieser Guanxi-Kultur liegt scheinbar kein Widerspruch darin, ein staatlich initiiertes Dopingkontrollsystem für „sauber“ zu erklären, während im direkten Umfeld der Athleten auf neuestem Stand gedopt wird. Guanxi macht es möglich, das System auszunutzen und zu umgehen. Und es verhindert, dass das für die Beteiligten einen Konflikt darstellt. Eine historisch legitimierte Kulturpraxis, entstanden aus der Logik des Überlebens. China konnte sich auch deshalb so erstaunlich mühelos auf internationale Betrugsstandards in Sachen Doping einstellen, weil Doping ja im Grunde Guanxi zu sein scheint – ein ständiges Austarieren, das Tänzeln um eine Demarkationslinie, eine gute Portion Schmiere, das langwierige Gemauschel.

Die Offiziellen werden bei Olympia auf die junge Zhang Yingying wohl nicht verzichten wollen. Ein Titel über die Marathondistanz wäre die Krönung. Wang Dexian wird indessen durch den kleinen Bruder sein bewährtes System zu erneuter Wirkung bringen. Der Inkriminierte könnte auf diese Weise noch seinen Beitrag leisten, wenn es im Heimatland ums Große und Ganze geht. Ob es aber auch jemanden geben wird, der Zhang Yingyings Weg in die Weltspitze auf sorgsame Weise begleiten und sie vor den Härten des Systems schützen kann, muss unklar bleiben. Damit im Vordergrund das Bild des „sauberen“ Sports stimmig bleibt, werden Regierung und offizieller Sport viel Energie darauf verwenden, das Hintergrundgeschehen zu beherrschen. In bewährter Manier: durch Kontrolle.

Bliebe nachzutragen, was aus dem rücksichtslosen Wundertrainer Ma Junren, dem Vorgänger von Wang Dexian, geworden ist, nachdem ihn die Sportführung ins Aus gesetzt hatte. Ma Junren ist nach Peking gegangen und hat eine Zuchtstätte für tibetische Doggen eröffnet. Einst hatte Marco Polo diese imposante, offenbar von den Hochebenen des Himalaya stammende Hunderasse beschrieben als eselsgroß und vorzüglich zur Jagd wilder Tiere geeignet. „Diese Zuchtbranche wird der Volkswirtschaft sicherlich einen immensen Gewinn bescheren“, meint der mittlerweile 65-jährige Ma Junren.

128 reinrassige tibetische Doggen hat er bereits gezüchtet.


Ines Geipel - Ihr Buch „No Limit“
Ines Geipel hat als ehemalige Sportlerin eine einzigartige Karriere gemacht. Die DDR-Leichtathletin klagte nach dem Umbruch gegen das einstige Zwangsdoping und ließ ihren Namen aus Rekordlisten streichen. Als Schriftstellerin machte sie 2004 Furore mit dem Buch „Für heute reicht’s. Amok in Erfurt“ und erzwang Aufklärung über das Erfurter Schulmassaker. Nun erscheint Geipels neues Buch „No Limit. Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft“ (Klett-Cotta, 19,90 Euro).
Am 14. April ab 19 Uhr diskutiert sie in Berlin (Nordische Botschaften, Rauchstr. 1; Anmeldung: berlin.invit@foreign.ministry.se) mit Arne Ljungquist, Chef der Medizin-Kommission des IOC. Aus dem Buch druckt der Tagesspiegel exklusiv diesen Text.

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