• DER RADSPORT UND DAS DOPING Enthüllungen und Hintergründe vor dem Start der Tour de France: Auf eine neue Tour

DER RADSPORT UND DAS DOPING Enthüllungen und Hintergründe vor dem Start der Tour de France : Auf eine neue Tour

Am Samstag beginnt die Tour. Fragen und Antworten zu einer Rundfahrt unter Verdacht

Wird bei dieser Tour weniger gedopt?

Das kann seriös natürlich niemand sagen. Allerdings wird der Druck auf potenzielle Dopingsünder erhöht. Der Radsport-Weltverband UCI hat bei einem sogenannten Anti-Doping-Gipfel von allen 600 Profis, die für die Rennställe der Pro Tour fahren, eine umfangreiche Selbstverpflichtung verlangt. So müssen Fahrer, die als Dopingsünder auffallen, ein Jahresgehalt zurückzahlen. Zudem sollen sich alle Fahrer bereit erklären, den zuständigen spanischen Behörden jeweils eine DNS-Probe bereitzustellen. Die Spanier können dann diese Proben mit den Daten der Blutbeutel abgleichen, die bei der „Operation Puerto“ gefunden wurden. Bei dieser Operation wurde das Dopingnetzwerk des spanischen Mediziners Eufemiano Fuentes zerschlagen. 19 der 20 Tour-Teams unterstützen die UCI-Forderungen. Nur das Team Discovery Channel, an dem der siebenmalige Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong beteiligt ist, weigert sich.

Auch die deutschen Fernsehanstalten ARD und ZDF, die die Rechte an der Tour besitzen, machen Druck. Lange war unklar, ob die ARD überhaupt überträgt, letztlich gab es dann eine knappe Entscheidung für eine Berichterstattung. Allerdings behalten sich sowohl ZDF als auch ARD einen kurzfristigen Ausstieg vor, sollte es bei der Tour zu massiven Dopingvorkommnissen kommen. Für Sponsoren wäre das allerdings fatal.

Welche Dopingmittel nehmen Radfahrer?

Jahrzehntelang wurden im Radsport vorwiegend Amphetamine und andere Aufputschmittel benutzt. Sie ermöglichen eine nahezu restlose Ausschöpfung der körperlichen Reserven. Da Stimulanzien kurz vor dem Wettkampf eingenommen werden müssen, um Wirkung zu erzielen, sind sie relativ leicht nachweisbar. Seit Ende der achtziger Jahre erreichten daher zahlreiche neue Dopingprodukte den Profiradsport, vor allem Erythropoetin (Epo). Epo wird seit 1988 gentechnisch hergestellt. Das Präparat ermöglicht eine erhöhte Sauerstoffkonzentration im Blut, wodurch sich die Ausdauer verbessert.

Dopende Hochleistungssportler verwenden heute einen ganzen Cocktail an Medikamenten. Dazu gehören Wachstumshormon und Anabolika. Es werden auch Eiweißpräparate (etwa „Solcoseryl“) eingenommen, die zur Blutverdünnung und damit zur Verschleierung von Epo-Effekten dienen. Bei vielen Athleten sind Testosterone, also männliche Sexualhormone, beliebt, um die Muskeln aufzubauen, den Kampfgeist zu stärken und die Aggressivität zu erhöhen. Der Tour- Sieger von 2006, Floyd Landis, hatte Testosteron verwendet. Ebenfalls häufig genommen wird das Epo-Nachfolgepräparat „Aranesp“. Es wirkt wie Epo, ist aber länger wirksam. Auf der Liste von Dopern stehen auch Antidepressiva wie etwa „Prozac“, das der geständige spanische Radprofi Jesus Manzano nahm.

Wann ist Doping offensichtlich?

Selten. Formschwankungen, erstaunliche Demonstrationen in den Bergen oder herausragende Sprintleistungen lassen sich ja auch anders erklären. Gedopt oder nicht gedopt: Das ist für den Zuschauer ein Ratespiel. Nur wenn eine Leistung abnorm auffällig ist, dann ist die Erklärung sehr naheliegend. Zum Beispiel beim Fall von Floyd Landis. Der US-Amerikaner erstaunte bei der Tour de France 2006 mit einer der kuriosesten Leistungsschwankungen aller Zeiten. Der US-Amerikaner brach an einem Tag in den Alpen völlig ein, verlor als Führender zehn Minuten auf die Konkurrenz und fiel auf Platz elf zurück, angeblich weil er nach seiner Aussage einen Fehler bei der Nahrungsaufnahme gemacht hatte („Hungerast“). Landis degradierte nur 20 Stunden später das gesamte Fahrerfeld, als er 130 Kilometer vor dem Zielstrich zu einer Solofahrt ansetzte, Berg um Berg im Alleingang überwand und so sich das Gelbe Trikot zurückeroberte und die Tour gewann. Kurz darauf wurde er positiv getestet.

Kann man die Tour de France ohne Doping überhaupt bewältigen?

Diese Frage ist umstritten. „Wer behauptet, man könne die Tour nur mit Mineralwasser bewältigen, ist naiv oder ein Heuchler“, sagte der fünfmalige Tour- Sieger Jacques Anquetil einmal. Unabhängige Sportwissenschaftler sind jedoch mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass die Anstrengungen einer Tour de France mitnichten übermenschlicher Natur sind. Nicht das Streckenprofil und die Schwere der zu meisternden Anstiege würden zum Doping verleiten, sondern der brutale Ausscheidungskampf der Fahrer untereinander, der die Geschwindigkeiten ins fast Unmenschliche treibe. Das Verlangen, mit den Besten mitzuhalten, erzeuge das Doping, schreibt der französische Arzt und Dopingexperte Jean-Pierre de Mondenard: „Doping und nicht der Wettkampfkalender oder die Streckenlänge sind die wahren Ursachen des Dopings.“ Selbst Laurent Fignon, zweimaliger Tour-Sieger und geständiger Doper, gibt inzwischen zu: „Die Tour durchzustehen, ist keine außergewöhnliche Leistung.“ Bis zu einer bestimmten Geschwindigkeit sei Radfahren sogar relativ einfach. „Aber wenn es darum geht, Sekunden und Minuten herauszuholen, wird es hart.“

Wird sich das Durchschnittstempo durch die Dopingskandale im Vorfeld verringern?

Davon ist nicht auszugehen. Seit Beginn der neunziger Jahre (zeitgleich mit dem Aufkommen des Epo-Dopings) steigt die Durchschnittsgeschwindigkeit kontinuierlich. Einige suspendierte Fahrer und ein schwammiger Ehrenkodex werden daran wohl nichts ändern. Das Durchschnittstempo ist aber nicht nur von der körperlichen Leistungsfähigkeit der Fahrer und eventuellen Hilfsmitteln abhängig, sondern auch von anderen Parametern wie dem Streckenprofil oder den Witterungsbedingungen. Die Tour 2007 weist ein vergleichsweise moderates Profil auf. Bei gutem Wetter ist ein neuer Rekord bei der Durchschnittsgeschwindigkeit nicht ausgeschlossen. 1999, ein Jahr nach dem großen Skandal um das Festina-Team, gewann Lance Armstrong die Tour mit dem bis dahin schnellsten Schnitt überhaupt: Erstmals schaffte der Sieger mehr als 40 Kilometer pro Stunde.

Werden die Kontrollen verschärft?

Vor der diesjährigen Tour de France gab es, zahlreicher als früher, „pre-competition controls“, also unangemeldete Trainingskontrollen. Allerdings gibt es keine „pauschalen Tests“ von jedem Fahrer, sagt Anne Gripper, die Anti-Doping- Beauftragte der UCI. Kontrolliert werden Fahrer, die bei der Tour „voraussichtlich gut abschneiden“, und solche, bei denen die „Vergangenheit, die Entwicklung oder Informationen glaubwürdiger Quellen“ eine Überprüfung nahelegen. Gripper nennt außerdem Fahrer mit „auffälligen Leistungen in bestimmten Rennen“ und solche, die mit verdächtigen Betreuern und Medizinern zusammenarbeiten.

Wie schon in den vergangenen Jahren gibt es ansonsten drei Arten von Kontrollen: Vor der Tour wird von jedem Fahrer ein Blutbild erstellt. Einige Fahrer werden während des Rennens einer Blutkontrolle unterzogen, die Daten werden dann auf Unauffälligkeiten geprüft. Im Verlauf der Tour und auch danach kann die UCI Fahrer zu einer Urinprobe holen und auf Epo testen. Wer getestet wird, entscheidet die UCI nach eigenem Ermessen. Nur der Gesamtführende und der jeweilige Etappensieger müssen laut Reglement des Verbandes bei Rennen zur Blutkontrolle, außerdem mindestens zwei weitere Fahrer. „Bei großen Rennen wie der Tour de France ist diese Zahl aber höher“, sagt Gripper. Die UCI werde je nach aktueller Situation die Zahl ihrer Tests festlegen, erklärt die Australierin. Sollte es positive Fälle geben, werden die Tests ausgeweitet. fmb/cv/chh/san

Wie ARD und ZDF mit Doping umgehen: Seite 31

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