DIE EIFELTOUR : Abschied vom Idol

Es ist besser so, dass sich Jan Ullrich nie wieder nach Alpe d'Huez hinaufquälen wird. Und trotzdem spuken noch Bilder von 1997 durch den Kopf.

Paul Linke

Der schlaue Duden sagt, Faszination habe eine anziehende, gar fesselnde Wirkung, besäße eine bezaubernde Ausstrahlung und Anziehungskraft. Das stimmt - wer will das schon ernsthaft bestreiten? Wohl niemand, der sich schon mal morgens um zehn, die Krankschreibung in der Tasche, vor die Glotze gehauen hat und dem Start entgegen fieberte. Schließlich sollte ja irgendwann die Attacke kommen. Schließlich waren manche Bergetappen wie gemacht für ihn. Alpe d`Huez! Oder Col de la Madeleine! Wenn nicht jetzt - wann dann? Quäl dich, Ulle!

Ach, war das schön. Was Henry Maske für den Boxsport, Michael Schumacher für die Formel 1 und Martin Schmitt für das Skispringen war - das war Jan Ullrich für den Radsport. Eine Galionsfigur. Ein Idol. Einer, auf den sich der stolze Blick der gesamten Nation richtete. Ach seufz, war das schön. 1997 - als es langsam zur Gewissheit wurde, dass ein Deutscher zum allerersten Mal die mörderische Tour der France gewinnen kann. Und in all den Jahren danach, als die Hoffnung nicht zu sterben wagte. Klar, meist kam er ein wenig übergewichtig aus dem Urlaub. Aber seine so genannten Fitnesswerte waren doch immer besser, immer ein Deut besser als im Vorjahr! Vorbei.

Das war einmal. Wenn am heutigen Samstag die Tour beginnt, wird Jan Ullrich wieder fehlen. Aber Hand aufs Herz: War es nicht so, dass der Gedanke, er würde irgendwie noch rechtzeitig die Kurve kriegen, erst mit dem Prolog erlosch? Aus und vorbei. Und dann kam das Doping. Nicht er, hagelte es reflexartig Stimmen, unmöglich, nicht er. Niemals! Selbst als der Schwindel sich unbemerkt wie ein Krebsgeschwür auszubreiten begann, hielten ihm seine Fans die Stange. Vielleicht wird er zum großen Märtyrer, war der letzte Halt. Das kann man ja noch verzeihen, dann kann man noch den Hut vor ihm ziehen. Vielleicht wird er auf den Tisch hauen und die Dinge beim Namen benennen. Doch jetzt? Da die Faszination sich ins Gegenteil verkehrt, da selbst das schlauste Lexikon nicht mehr weiterhilft, dämmert es allmählich: Jan Ullrich, Tour de France und all die anderen - alles nur Farce!

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