Doping : Am Rad dreht keiner mehr

Bei der Tour de France ist vieles wie früher – weil Doping inzwischen als normal angenommen wird.

Mathias Klappenbach

Es ist eine neue Erfahrung für Radprofis, dass bei der Tour de France jetzt auch schon auf sie geschossen wird. Am Freitag wurden Oscar Freire und Julian Dean während einer Abfahrt von Kugeln aus einer Luftpistole getroffen, der eine im Oberschenkel, der andere am Daumen. Sie wurden nur leicht verletzt und konnten die Etappe ohne größere Probleme zu Ende fahren. Der Täter wird noch gesucht. Als sicher erscheint aber, dass es sich um eine einzelne Grenzüberschreitung handelt, und als Motiv darf man andere Gründe unterstellen als Unzufriedenheit mit der Tour. Der geht es nämlich wieder besser – ohne dass sich viel geändert hat. Zumindest nicht im Universum Tour, während sich beim Publikum durchaus einiges getan hat.

Neben der Rückkehr von Lance Armstrong ist das große Thema auch dieser Tour natürlich Doping. Beziehungsweise die bisherige Absenz von Dopingfällen, die bei einigen Berichterstattern sogar erkennbare Enttäuschung hervorruft. Sie fragen, wo denn die vier bis sieben vorher angekündigten Fälle mit auffälligen Blutprofilen sind und was überhaupt mit den 50 Fahrern ist, die angeblich unter verschärfter Beobachtung stehen. Es gibt mehr Kontrollen als je zuvor, aber der Tour-Veranstalter ASO hat seine Politik der vergangenen Jahre, sich als Vorkämpfer im Anti-Doping-Kampf zu gerieren, als schädlich erkannt und verworfen. Er behandelt das Thema jetzt wieder so wie in all den Jahrzehnten vor den Skandalen der jüngeren Vergangenheit. Das lässt sich auch daran erkennen, dass in diesem Jahr wieder der alles andere als vertrauenswürdige Weltverband UCI die Hoheit über die Dopingkontrollen hat und Armstrongs Team Astana, das im vergangenen Jahr gar nicht mitfahren durfte, skandalöse Sonderrechte einräumt.

Das ist aus Sicht derer, die das Produkt Tour herstellen und verkaufen, richtig. Denn das Publikum hat einen Lernprozess hinter sich, den es zusammen mit dem Radsport gemacht hat. Das Ergebnis ist erstens, dass niemand mehr annimmt, es würde nicht gedopt. Zweitens hat diese Erkenntnis dazu geführt, dass man sich entweder abwendet oder mit seinem Wissen weiterschaut, ohne sich allzu sehr aufzuregen. Diese Zuschauer sind weniger geworden, zumindest bei ARD und ZDF. Der Spartenkanal Eurosport, der im Gegensatz zu den Öffentlich-Rechtlichen ganze Etappen überträgt, vermeldet hingegen Zuschauergewinne. Hier wird Doping zwar nicht totgeschwiegen, aber nur am Rande erwähnt, während es die Kommentatoren bei ARD und ZDF pflichtschuldig thematisieren (müssen). Doch auch hier hat die Abhandlung des Themas schon etwas Folkloristisches bekommen, und wenn die Tour in Andorra vorbeikommt, erinnern alle an damals und den „legendären“ Antritt von Jan Ullrich. Warum auch nicht?

Doping, das merkt man nicht nur bei den Radsport-Übertragungen in diesem Jahr, ist nur noch dann ein wirkliches Skandalthema, wenn eine nationale Ikone wie die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein betroffen ist. Es ist eine große Debatte darüber entbrannt, ob die Sportlerin ihre Unschuld selbst beweisen muss. Von den fünf Radprofis, die schon zwei Wochen vor der Tour aufgrund auffälliger Blutwerte sanktioniert wurden, ist kaum die Rede. Dafür gab es im Radsport zu viele Fälle, sie sind normal geworden. Andere Sportarten werden den Radprofis vielleicht noch einmal dafür dankbar sein, dass sie den Zuschauern die Realität vor Augen geführt und sie ihnen vertraut gemacht haben. Sofern das nötig war.

Denn über den periodisch wiederkehrenden Meldungen darüber, was in der Gesellschaft alles konsumiert wird, stehen Überschriften wie „Doping im Job nimmt zu“ oder „Jeder Fünfte findet Doping am Arbeitsplatz okay“. Der Begriff Doping hat im alltäglichen Sprachgebrauch längst das Wort Medikamentenmissbrauch ersetzt; dabei geht es hier nicht um das schon länger umgangssprachliche Dopen mit Kaffee oder Vitamintabletten, sondern um die systematische Anwendung von Pharmaka durch gesunde Menschen. Und man kann aus vielen Gründen, die hier zu weit führen, annehmen, dass es schon bald „jeder Vierte“ und demnächst „jeder Dritte“ heißen wird.

Auch mutet es nur auf den ersten Blick absurd an, wenn Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy behauptet, dass die nationale Institution Tour nicht für die Skandale der Vergangenheit verantwortlich gemacht werden könne und ausführt: „Meiner Meinung nach ist die Tour Dopingopfer gewesen und nicht verantwortlich für Doping.“ Das ist die uralte Argumentation derer, die Teil eines Systems sind und sich trotzdem aus der Mitverantwortung stehlen wollen. Sarkozys Gerede ist bei genauerem Hinsehen aber weniger absurd als vielmehr anachronistisch.

Denn bei dieser Tour geht es in Sachen Doping eigentlich nur um die spezielle Frage, ob Armstrong dabei erwischt wird oder nicht. Andere mögliche Fälle, außer vielleicht noch bei der deutschen Nachwuchshoffnung Tony Martin, würden höchstens ein Achselzucken hervorrufen.

Martin muss – wie viele vor ihm und einem Reflex folgend – als eine der Hoffnungen für einen sogenannten „neuen“, sauberen Radsport herhalten. Einen Radsport, in dem Blutpässe, Polizei-Razzien (die es in diesem Jahr bei der Tour nicht mehr gibt) und die Frage nach der Glaubwürdigkeit in den vergangenen Jahren zumindest in Deutschland eine zentrale Rolle in der Berichterstattung eingenommen haben. Aber ist eine solche „Hoffnung“ überhaupt noch nötig?

Vor ein paar Tagen überraschten die Meldungen, dass ein neuer deutscher Profirennstall gegründet wird und der Sponsor des letzten aktuell noch verbliebenen deutschen Tour-Teams Milram sich bei einer ersten Zwischenbilanz durchaus zufrieden mit dieser Tour zeigte.

Zwei Nachrichten, die von Konsequenz und Weitsicht zeugen.

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