Doping-Debatte : Belastende Mittel

Ein Schuldeingeständnis von fünf DDR-Trainern hat die Debatte um Doping in Ost und West wieder angeheizt. Warum ist die Aufarbeitung so schwierig?

Friedhard Teuffel

Es war ein deutsch-deutsches Gipfeltreffen des Sports. Manfred von Richthofen, mächtigster Sportfunktionär aus dem Westen Deutschlands, wollte mit Manfred Ewald, dem mächtigsten Sportfunktionär der DDR, in einem Restaurant im Grunewald über die Lasten des deutschen Sports reden – über Doping. Das war 1991. „Ich habe Ewald gefragt, ob es Doping in der DDR gab. Er sagte: Alles gelogen, aber im Westen wird gedopt“, berichtet Richthofen heute. Ein Jahrzehnt später wurde Ewald zu 22 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Für seine Beteiligung am Staatsdoping der DDR, in dem auch minderjährige Sportlerinnen männliche Sexualhormone schlucken mussten.

Bislang hat es wenig aufrichtige Gespräche über Doping in Ost und West gegeben. Die Aufarbeitung lief schleppend, erste Urteile wurden 1998 gesprochen, Sportverbände haben belastete Trainer gerne aufgenommen. Richthofen gehörte zu den wenigen, die schon früh eingeräumt haben, Doping sei keine Frage der Himmelsrichtung. „Bei uns im Westen haben es die Ärzte ja selbst verabreicht. Ein ungeheuerlicher Vorgang“, sagt er. In der vergangenen Woche nun haben fünf Leichtathletik-Trainer zugegeben, in der DDR Athleten gedopt zu haben. Sportfunktionäre jubeln, es sei ein sporthistorischer Moment, der Weg sei frei für eine entspanntere Zusammenarbeit. Die Opfer sprechen von einer politischen Perversion.

Die Debatte wird auch deshalb so emotional geführt, weil die Opfer lange vergeblich auf eine Anerkennung ihres Leids gewartet haben. Die Dopingmittel haben gerade bei Athletinnen zum Teil schwere körperliche Schäden hinterlassen, Vermännlichung, organische Krankheiten, unerfüllte Kinderwünsche. Erst vor wenigen Jahren erhielten 167 von ihnen vom Staat eine einmalige Entschädigung in Höhe von 9250 Euro. Die Rollen von Opfer und Täter werden jedoch immer wieder durcheinandergewirbelt. Belastete Trainer behaupten, Athleten hätten gewusst, was sie da schluckten. Einige hätten sogar nach Extraportionen gefragt.

Der zweite emotionale Konfliktstoff ist die Ungleichbehandlung. Auch im Westen wurde massenhaft gedopt, es gab sogar Todesfälle. Mit Steuermitteln wurde in der Bundesrepublik die Wirkung von Anabolika im Sport erforscht. Doch vor Gerichten fanden sich fast ausschließlich Trainer und Ärzte aus der DDR wieder. Während das Doping in der DDR durch Stasiakten bis ins Detail nachzuzeichnen ist, hat das privat organisierte Doping im Westen kaum Spuren hinterlassen. Trainer und Funktionäre aus dem Osten unterstellen aber einen politischen Grund: Im olympischen Sport war die DDR überlegen. Diese Niederlage wolle der Westen in einen moralischen Sieg umwandeln.

Mit der Erklärung der fünf Trainer wurde formal ein Ausweg gefunden. Sie dürfen weiterarbeiten und werden aus Steuermitteln weiterbezahlt, da sie die Forderungen des Innenministeriums und der Verbände erfüllt haben: Schuldeingeständnis, Entschuldigung bei den Opfern und Bekenntnis zum dopingfreien Sport. Trainer aus anderen Sportarten wie dem Biathlon könnten diese Erklärung übernehmen. Den Verbänden ist das nur recht, dann könnten aktive Sportler weiter mit ihren Trainern arbeiten. Die Reaktion der Opfer zeigt aber, dass moralisch noch nicht viel gelöst ist. Sie vermissen persönliche Entschuldigungen und prüfen juristische Schritte gegen die Weiterbezahlung der Trainer aus Steuermitteln.

Zwei Positionen bleiben unversöhnlich. Wer Athleten gedopt hat, sollte nie wieder Athleten trainieren dürfen, fordern Opfer. Andere befürworten eine Amnestie. Dazwischen hat sich Richthofen positioniert, mittlerweile Ehrenpräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes: „Ich habe Bedenken gegen gleichlautende Erklärungen von Trainern. Ich bin immer noch für eine Einzelfallprüfung“, sagt er. „Es gab viele Trainer, die von sich aus Dopingmittel vergeben haben. Die muss man anders behandeln als diejenigen, die sonst ihren Job verloren hätten. Wir wollen doch endlich wissen, wer die Hintermänner sind und wer die Befehlsempfänger.“ Bisher geben die Trainer jedoch nichts über das System preis.

Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft hat nun eine Studie ausgeschrieben mit einem Zuschuss von 450 000 Euro, die innerhalb von drei Jahren das Doping im Westen Deutschlands seit 1950 und im wiedervereinigten Deutschland untersuchen soll, um so endlich Ost und West fair miteinander vergleichen zu können. Gerhard Treutlein zweifelt jedoch am Sinn dieses Vorhabens. Der Heidelberger Professor für Sportpädagogik hat schon vor Jahren Studien zum Doping im Westen betrieben – so umfangreich wie kaum sonst jemand. „Warum sollen die Leute, die damals gelogen haben, jetzt auf einmal die Wahrheit sagen? Wie sollen Forscher von außen jetzt mehr herausbekommen als wir in fünf, sechs Jahren mit unseren Insiderkenntnissen der Leichtathletik? Das ist eine Täuschung der Öffentlichkeit.“ Die Chance zur Aufarbeitung sei lange vorbei, da Akten vernichtet wurden und Zeitzeugen gestorben sind. Das Geld für die Studie, findet Treutlein, sollte lieber in die Dopingprävention investiert werden.

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