Doping : "Die pinkeln rechtzeitig"

Werner Franke über Doping bei der WM.

Tom Mustroph

Eigentlich sollte der Molekularbiologe Werner Franke nur eine Laudatio auf die Preisträger des Heidi-Krieger-Preises halten. Bevor er aber auf diese Widerständler gegen Doping einging, zeichnete er ein plastisches Bild des Dopings im Spitzensport. Er beschrieb – ausgehend von sieben im letzten Jahr gesperrten russischen Leichtathletinnen – wie auch jetzt wohl in Berliner WM-Hotels Athleten ihre Blase entleeren und sich künstlich entweder Fremdurin oder eigenes Urin aus einer dopingfreien Zeit wieder zuführen, um damit die Röhrchen der Dopingkontrolle zu füllen. „Die pinkeln das rechtzeitig aus und führen dann das neue Zeug ein“, sagte Franke. Bei Frauen sei das ganz einfach, ergänzte er. „Sie müssen nur eine Strecke von fünf Zentimetern überbrücken, um sich das Urin neu zu verabreichen. Männer müssen schon heroische 25 Zentimeter überwinden.” Franke wagte auch einen Rückblick auf das Doping in Ost und West. Der DDR attestierte er „preußische Praxis“: „Da wird ein Beschluss zum Dopen gefasst und dann geht es los. Es wird auch aufgeschrieben, wer wann was bekommt.“ Anders in Westdeutschland. „Da läuft es auf die christliche Art: So wie es der Pfarrer mit der Haushälterin hält. Alle wissen es, keiner sagt was.” Laut Franke haben sich Ost- und West-Kultur nun fröhlich vereinigt.

Umso heldenhafter ragen jene Menschen aus dem Dopingsumpf, die den Verlockungen nicht erlegen sind und mit dem Preis des Vereins für Dopingopfer ausgezeichnet worden sind. Der Mainzer Apotheker Horst Klehr weigerte sich in den Siebzigerjahren, westdeutschen Leichtathleten Dopingmittel auszuhändigen. Hansjörg Kofink, unter anderem Beauftragter für „Jugend trainiert für Olympia” in Baden-Württemberg, prangerte in den Achtzigerjahren die Verabreichung von anabolen Steroiden an junge Frauen und Mädchen an. Henrich Misersky wurde vom Thüringer SC Zella-Mehlis gefeuert, als er seinen Ski-Langläuferinnen, darunter seine Tochter Antje, nicht das DDR-weit vertriebene Oral-Turinabol verbreichen wollte. Und Johanna Sperling war Rudertrainerin in Ostberlin. 1963 schickte sie an ihre Rudergruppe folgenden Brief: „Ich bitte euch ernsthaft, kein, aber auch kein einziges Mittelchen zu schlucken, das eure Leistung angeblich steigert;...; geht mit gutem Gewissen an den Start, die Nationalhymne klingt dann umso erhebender.” Ein schönes, 46 Jahre altes Dokument. Man sollte es zur Pflichtlektüre in Sportinternaten erklären – und einmal im Olympiastadion ein Messgerät für Scham installieren. Wahrscheinlich lägen dessen Auschläge noch unter denen der Dopinganalytik. Tom Mustroph

Laut Franke haben sich Ost- und Westdoping vereinigt

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