Doping : "Für Kontrollen kann nur der Staat zuständig sein"

Rechtsanwalt Luc Misson klagt gegen die Doping-Richtlinien - er will die Privatsphäre der Sportler schützen.

Kascheschkin
Die Freiheit, zu dopen: Andrej Kascheschkin will sie juristisch durchsetzen. -Foto: AFP

Herr Misson, heute beginnt in Lüttich der Prozess gegen den Welt-Radsport-Verband UCI. Der des Dopings überführte kasachische Radprofi Andrej Kascheschkin klagt gegen die Dopingkontrollen, weil diese gegen die Menschenrechte verstoßen würden. Sie vertreten ihn vor Gericht. Was versprechen Sie sich von dem Prozess?

Wir erwarten, dass die belgische Justiz unserer Meinung folgt, wonach es einer Sportorganisation nicht erlaubt ist, mit Dopingkontrollen in die Privatsphäre eines Sportlers einzugreifen. Wir richten uns damit nicht gegen die Kontrollen, aber wir sagen, dass dafür nur der Staat und seine Organisationen wie die Polizei zuständig sein können.

Bereits 1995 haben sie juristisch Sportgeschichte geschrieben, als Sie Jean-Marc Bosman im Rechtsstreit um Ablösesummen im Fußball erfolgreich vertraten. Das Urteil veränderte das Geschäft radikal. Nun können Sie nun das gesamte Dopingkontrollsystem zum Einsturz bringen.

Ja, das stimmt. Aber ich bin kein Revoluzzer. Es handelt sich hier nur um den Streit zwischen Kascheschkin und der UCI. Das ist nicht wie bei Bosman. Da ging es um das europäische Recht und den Fußball insgesamt.

Trotzdem gibt es Parallelen?

Ja und nein. Ja, weil es jedes Mal sozusagen um europäisches Recht geht. Nein, weil Bosman vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg verhandelt wurde und der Fall Kascheschkin bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg gehen kann.

Es sind unterschiedliche Gerichte, aber vielleicht ähnlich drastische Folgen?

Ja natürlich. Wenn das Gericht sagt, dass eine Sportorganisation nicht so stark in die Privatssphäre eines Sportlers eingreifen kann, oder das Gericht sogar sagt, dass sie einem Sportler kein Blut oder Urin abnehmen darf für eine Kontrolle, dann hat das enorme Konsequenzen. Aber jeder Staat kann Gesetze zu Dopingkontrollen beschließen. In vielen Ländern gibt es diese Gesetze ja bereits.

Viele Länder haben aber auch den Code der Anti-Doping-Agentur Wada unterzeichnet, womit die Kontrollen nicht nur auf privaten Regeln fußen.

Der Wada-Code hat ein Problem: Er ist zu exzessiv. Er räumt dem Sportler keine Freiheiten ein, die jeder Angeklagte normalerweise vor einem Gericht hat. Er kann sich nicht einmal richtig verteidigen. Außerdem greift er zu sehr in die Privatsphäre eines Sportlers ein.

Gibt es also eine Freiheit zu dopen?

Ja, aber darum geht es nicht. Falls das Gericht uns Recht gibt, dann stellt sich für jedes Land die Frage, ob es ein Gesetz macht oder nicht. Ich habe den Eindruck, dass viele Länder dazu bereit sind. Und ich glaube, das hat weitere Vorteile.

Welche denn?

Der Staat kann weiter gehen als der Sport. Denn Doping ist auch ein industrielles Problem. Für Doping ist ein hoher Forschungsaufwand nötig, die Chemieindustrie muss da mitspielen. Dagegen können Sportorganisationen nichts tun.

Wie sollten die Kontrollen aussehen? Nicht in den Ferien und nur bis 22 Uhr?

Rund-um-Kontrollen sind ein Problem, weil sie ein harter Eingriff in die Privatsphäre sind. Aber ein staatliches Gesetz könnte das Problem lösen, weil es vom Gericht eher akzeptiert werden würde.

Aber jeder Sportler unterwirft sich doch freiwillig den Regeln des Sports.

Das stimmt. Es ist normal, Regeln des Sports zu akzeptieren. Aber sie dürfen nicht die Menschenrechte verletzten, sie müssen mit ihnen in Einklang stehen. So wie beim Bosman-Urteil der Fußball die Regeln des Europäischen Rechts akzeptieren musste. Menschenrechte stehen eben über allem, auch dem Sport.

Das Gespräch führte Christian Tretbar

Luc Misson, 57, ist Anwalt des Radprofis Andrej Kascheschkin, der gegen die Dopingkontrollen der UCI klagt. Im Fußball sorgte Misson schon einmal für Aufsehen: beim Bosman-Urteil.

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