Doping im Radsport : Ein mildes hartes Urteil

Der Arzt Carlo Santuccione wird wegen Dopingpraktiken lebenslang gesperrt – und darf weiter praktizieren.

Vincenzo Delle Donne[Mailand]

Der Kassenarzt aus Cepagatti reagierte sarkastisch. „Man hat mir den Angelschein entzogen, dabei gehe ich nicht einmal zum Angeln!“, sagte Carlo Santuccione zu der lebenslangen Sperre, die die Antidopingermittler des Nationalen Olympischen Komitees von Italien (Coni) gegen ihn ausgesprochen haben. Santuccione hatte in Sachen Doping den etablierten Sportmedizinern des Landes im Laufe der Jahre den Rang abgelaufen. Und zwar so sehr, dass der Sechzigjährige zur wichtigsten Anlaufstelle für die Dopingwilligen des Landes wurde. Santuccione, übersetzt der „kleine, große Heilige“, vollbrachte mit seinen Dopingpraktiken wahre „Wunder“, womit er sich auch in zahlreichen Telefongesprächen brüstete, die abgehört wurden.

Das Urteil stützt sich auf die Ergebnisse der Antidopingermittlungen, die die italienischen Carabinieri 2003 unter dem Namen „Oil for drugs“ begannen und in denen Santuccione eine Schlüsselrolle spielte. Schon 1995 war Santuccione vom Radsportverband wegen verbotener Dopingpraktiken zu einer fünfjährigen Sperre verurteilt worden.

Santucciones jetzige lebenslange Sperre bedeutet allerdings nicht, dass er nicht mehr praktizieren darf. Er darf lediglich nicht Mitglied eines Sportklubs sein, der dem Nationalen Olympischen Komitee angehört. Bezeichnend ist auch, dass Santuccione bei der Verkündung des Urteils weder anwesend war, noch von seinen Anwälten vertreten wurde.

Santuccione wurde indes nie müde zu behaupten, dass er allein wegen seiner „Passion zum Radsport“ in dieses Strafverfahren verwickelt worden sei. „Ich wurde ohne einen einzigen Beweis verurteilt“, empörte sich Santuccione und kündigte an, das Urteil des Sportgerichtes möglicherweise vor dem ordentlichen Verwaltungsgericht anzufechten.

Zu seinen treuen „Patienten“ gehörte auch Giro d’Italia-Sieger Danilo Di Luca, der deswegen zu einer dreimonatigen Strafe verdonnert wurde. Der italienische Radsportheld verteidigte sich damit, dass er Santuccione schon als Achtjähriger kannte. Burlesk auch die Art und Weise, wie Di Lucas Sperre verhängt wurde. Zunächst wurde sie in erster Instanz ausgesprochen, dann vom Schiedsgericht wieder aufgehoben und schließlich auf Drängen des internationalen Radsportverbandes UCI von der letzten Instanz der Sportgerichtsbarkeit wieder beschlossen. In jedem Fall kostete Di Luca die Sperre die Teilnahme an der Weltmeisterschaft Ende September in Stuttgart. Ein – zumindest von den Ergebnissen – glanzvolles Jahr ging für ihn so unrühmlich zu Ende.

Weitere Sportler, die auf die Dopingpraktiken Santucciones schworen, sind der frühere T-Mobile-Fahrer Eddy Mazzoleni und der italienische Stabhochsprungweltmeister Giuseppe Gibilisco. Auch dessen zweijährige Sperre wurde zunächst aufgehoben, um dann wieder in letzter Instanz bestätigt zu werden. Bei den vorläufigen Freisprüchen wurde vielfach argumentiert, dass nur die italienischen Antidopingermittler so radikal gegen die Dopingsünder vorgingen. In Spanien beispielsweise habe man einen wichtigen Ermittlungsstrang der „Operacion Puerto“, die auch andere Sportarten betraf, willentlich unter den Teppich gekehrt. Aus sportpolitischer Räson.

Für ein strafrechtliches Verfahren gegen Santuccione, Di Luca, Mazzoleni und Gibilisco reichten die gesammelten Beweise jedoch nicht. Sowohl gegen Santuccione als auch gegen die involvierten Sportler wurde das Ermittlungsverfahren schließlich eingestellt. Gerade aufgrund dieser Entscheidung hofften die Anwälte der Verdächtigten, auch bei den Sportgerichten einen Freispruch zu erwirken. Danilo Di Luca hat die dreimonatige Sperre unterdessen fast abgesessen und hat bereits die Vorbereitung für die kommende Saison aufgenommen.

Coni-Präsident Gianni Petrucci verlangt indes von den Antidopingermittlern des italienischen Sports, dass sie hart durchgreifen. „Wir wollen mit unseren Dopingermittlungen beweisen, dass die Siege des italienischen Sports sauber sind“, sagte der oberste Sportfunktionär des Landes.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben